Die vielseitigen Abwehrkünstler

von Redaktion

HANDBALL-WM Deutschland besiegt Island – und trifft heute auf Kroatien

Köln/München – Als Paul Drux sich klatschend, lachend und winkend von den Fans verabschiedet hatte, stellte er sich vor eine ARD-Kamera und sagte: „Das Publikum hat uns durch das Spiel getragen, das sind Momente, von denen ich noch meinen Kindern erzählen werde.“ Es hat Drux und die anderen deutschen Handballer sehr begeistert, wie euphorisch sie am Samstagabend in Köln empfangen worden sind. 19 250 Zuschauer waren in die Halle im Stadtteil Deutz gekommen, wo die Deutschland 2007 Weltmeister wurde. Und obwohl sie an diesem Abend nur das erste von drei Hauptrundenspielen der WM sahen, flippten die Fans aus, als die Deutschen die Isländer 24:19 besiegten.

Es war ein perfekter Start in die fünf Kölner WM-Tage, die die Deutschen nutzen wollen, um sich für den WM-Tag in Hamburg zu qualifizieren, wo am Freitag die Halbfinals ausgespielt werden. Aber Island war ein Pflichtsieg. Heute (20.30 Uhr/ZDF) müssen sie gegen die noch unbesiegten Kroaten antreten – und eine Niederlage würde die Hamburg-Reise in Gefahr bringen. Am Samstagabend allerdings fürchtete Paul Drux die Kroaten nicht. „Die haben unser Spiel heute auch gesehen und die Atmosphäre mitbekommen“, sagte er, „und ich wage mal zu bezweifeln, dass sie sich freuen, hier gegen uns zu spielen.“

Auf ihre Fans werden sich die Handballer verlassen können. Doch wie steht es sportlich um sie? Zwei Eigenschaften, die sie bei diesem Turnier auszeichnen – plus eine, an der sie vor den zwei entscheidenden Spielen (am Mittwoch wartet Spanien) noch arbeiten müssen.

Abwehr (+)

Als er schon fast auf den Boden gefallen war, riss Andreas Wolff, der deutsche Torhüter, seinen linken Arm nach oben. Und irgendwie lenkte er den Ball, den Islands Rechtsaußen Sigvaldi Gudjonsson aus maximal fünf Metern Entfernung abgefeuert hatte, noch an seinem Tor vorbei. Am Samstag hielt Wolff mal wieder spektakulär und viel (40 Prozent aller Würfe), doch das eigentliche Geheimnis der DHB-Abwehr ist gar nicht ihr Torhüter. Es sind die Mittelblocker Finn Lemke, Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler, die jedoch weniger auffallen, weil sie ihr Bein eben nicht hinter das Ohr strecken können. Der Bundestrainer Christian Prokop sagte: „Sie geben in der Abwehr die Kommandos, sind das Herzstück, die aggressiven Leader.“

Vielseitigkeit (+)

Hat Deutschland einen Weltklasse-Angreifer? Ja, Uwe Gensheimer, den Kapitän. Die Sache ist nur: Er spielt auf Linksaußen, das heißt, er ist darauf angewiesen, dass die anderen ihn füttern. Er kann nicht einfach aus neun Metern hochsteigen und den Ball mit Gewalt abfeuern – wie etwa der Däne Mikkel Hansen oder der Kroate Domagoj Duvnjak. Ein Rückraumshooter dieser Klasse haben die Deutschen nicht, sie überpinseln das mit ihrer Vielseitigkeit. Die Kunst der Gewalttore beherrscht an guten Tagen Steffen Fäth. Fabian Wiede, sein Rückraumpartner, glänzt mit Anspielen an den Kreis, was auch der Spielmacher Martin Strobl kann. Letzterer traut sich, in wichtigen Momenten auch selbst zu werfen. Im Eins-gegen-Eins ist Paul Drux der beste deutsche Spieler. Für das sehr wichtige Kroatien-Spiel hat sich der zuletzt verletzte Steffen Weinhold fit gemeldet. Und dann gibt’s ja noch Uwe Gensheimer.

Stabilität (–)

Als die Deutschen am Samstagabend nach nur sieben Minuten schon mit 5:2 führten, als die Fans kräftig feierten, da gerieten die Handballer plötzlich in eine kleine Schwächephase, die im Verlauf dieser WM nicht das erste Mal aufgetreten ist. Fast sieben Minuten verfehlten die Deutschen danach das Tor, Island führte 6:5. Solche Instabilitäten, mögen sie auch noch so kurz sein, können auf WM-Niveau einen Sieg verhindern. Am Samstag fiel Christian Prokop eine Lösung ein. Er zog einen Verteidiger nach vorne – stellte also von einer 6:0- auf eine 5:1-Deckung um – und brachte die Isländer aus dem Konzept. Die Frage ist: Genügt so ein Trick auch gegen Kroatien? CHRISTOPHER MELTZER

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