Ruhpolding – Tarjei Bö hatte schon früh eine Ahnung. Als er 2010 als 22-Jähriger seinen ersten Weltcupsieg feierte, adelte ihn der legendäre Ole Einar Björndalen mit der Einschätzung: „Tarjei ist das größte Biathlon-Talent, das wir je in Norwegen hatten.“ Der Hochgelobte meinte jedoch: „Da gibt es einen noch Besseren: meinen jüngeren Bruder Johannes. Da hab ich schon Schiss, wenn der mal der mal im Weltcup antritt.“
Tarje Bö sollte recht behalten. Johannes Thingnes Bö, der fünf Jahre jüngere Konkurrent aus dem Kinderzimmer, lief ihm den Rang ab. Tarjei (30) wurde 2011 Weltcup-Gesamtsieger, in diesem Winter spricht alles dafür, dass Johannes Thingnes (25) erstmals die große Kristallkugel erringen wird. Im nach Weltcupsiegen gerechneten Bruderduell steht es 30:9 – für den Jüngeren.
Solch eine Konstellation kann Konfliktstoff liefern. Schnell denkt man da ans biblische Klischee von Kain und Abel. Bei den Bö-Brüdern, die sich wie Zwillinge ähneln, ist das anders. Sie sind ein Herz und eine Seele. Das war auch in Ruhpolding zu beobachten. Im Sprint lag Tarjei vorn, dann schnappte ihm Johannes Thingnes um 7,9 Sekunden den Sieg weg. Von Frust keine Spur. „Wir hatten einen tollen Kampf, das hat Spaß gemacht“, so Tarjei, „für mich ist es immer etwas Besonderes, wenn ich mit meinem Bruder das Podium teilen kann.“
Natürlich, so der ältere Bö, gehe er nach wie vor in die Loipe, um möglichst auch seinen kleinen Bruder zu besiegen. Aber: „Wenn ich nicht Erster werde, dann ist es mir am liebsten, wenn Johannes gewinnt.“ Es gibt allerdings auch eine Variante, die beiden gleichermaßen gefällt und die ihnen auch in Ruhpolding sichtlich Freude machte: Die Gebrüder Bö siegten gemeinsam in der Staffel. gib