„Ein Katastrophentag – zum Abhaken“

von Redaktion

Trotz herber Niederlage in der vierten Runde verlässt Kerber Australien mit gutem Gefühl

VON DORIS HENKEL

Melbourne – Es gibt Niederlagen, die einen bis ins Mark erschüttern. Niederlagen, die selbst nach dreimaligem Überdenken der Umstände nicht zu erklären sind. Und Niederlagen, die wie ein giftiger Stachel im Fleisch sitzen und lange Zeit dort stecken bleiben. Und es gibt solche wie die von Angelique Kerber am Sonntag in Melbourne, die zwar überraschen und wehtun, mit der richtigen Medizin aber gut zu heilen sind.

„Ich guck nicht in die Vergangenheit, ich guck nicht in die Zukunft“, sagte sie nach einer in dieser Form ganz bestimmt nicht erwarteten Stunde mit der Amerikanerin Danielle Collins. „Ich hab alles auf dieser Reise gegeben, jetzt ist sie hier zu Ende, das muss ich akzeptieren, und das werde ich akzeptieren.“

Das Spiel im Achtelfinale dauerte nur 56 Minuten, und es führte Angelique Kerber in eine der heftigsten und deftigsten Niederlagen ihrer Karriere (0:6, 2:6). Nach einer Reihe überzeugender Auftritte – zuerst beim Hopman Cup in Perth, danach beim Turnier in Sydney und in den ersten drei Runden auch in Melbourne – hatte es so ausgesehen, als gehöre sie zu den aussichtsreichsten Kandidatinnen auf den Titel. Doch auf dem Platz sah die Sache so aus, dass sie kein Mittel fand, um die wild entschlossene Amerikanerin aufzuhalten.

Irgendwie ist es kaum zu glauben, dass die 25 Jahre alte Danielle Collins vom Weltranglistenplatz 35 bis zum Beginn der Australian Open noch nie ein Spiel im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers gewonnen hatte, und das trotz eines bemerkenswert aggressiven, durchdachten Spiels. Doch sie spielt erst seit ihrem Abschluss an der Universität von Virginia vor zweieinhalb Jahren das ganze Jahr über auf der Tour, und wie nahezu alle College-Spielerinnen und -Spieler bringt sie stählerne Wettkampfhärte und Selbstbewusstsein mit. Davon durfte sich Julia Görges vor einer Woche bei einer Niederlage in der ersten Runde überzeugen, und Angelique Kerber machte nun im Spiel der vierten Runde die gleiche Erfahrung.

Keine Frage, an einem guten Tag hätte sie die Mittel gehabt, um dagegen zu halten, um ihre Fitness einzusetzen und ihre weitaus größere Erfahrung zu nutzen. Aber es war kein guter Tag, ohne dass es dafür einen Grund gegeben hätte. Kerber wusste, was sie zu erwarten hatte – sie hatte im vergangenen Jahr schon mal gegen Collins gespielt –, und sie versuchte, sich zu wehren, selbst nach dem erschreckend schnell verlorenen ersten Satz. Als ihr zu Beginn des zweiten Satzes ein Break gelang, keimte für ein paar Minuten Hoffnung auf, aber wie ein voll beladener Güterzug bretterte Danielle Collins über diese Hoffnung hinweg.

Es war gewiss keine schöne Erfahrung und auch ein kräftiger Dämpfer für Kerber, aber die Art, wie sie das Geschehen schon kurze Zeit danach erklärte, einordnete und akzeptierte kann man als positives Zeichen deuten. Das fand auch die Chefin des deutschen Frauentennis, Barbara Rittner, die meinte: „Ich glaube nicht, dass sie von dieser Niederlage zurückgeworfen wird. Das war ein Katastrophentag, den sie abhaken muss.“ Es komme jetzt darauf an, die Dinge im Team mit dem neuen Coach Rainer Schüttler vertrauensvoll und in Ruhe aufzuarbeiten und sie sei zuversichtlich, dass das auch so passieren werde.

Angelique Kerber meinte zum Abschied von jenem Turnier, bei dem sie vor drei Jahren ihren ersten Grand-Slam-Titel gewonnen hatte und an dem sie auch deshalb besonders hängt: „Man muss Niederlagen akzeptieren, die gehören zum Sport. Trotzdem werde ich Australien mit einem guten Gefühl verlassen; für mich ist dieses Turnier immer noch was Besonderes, und das wird es auch bleiben.“

Wie es für sie weitergeht? Erstmal mit einer Pause. Beim Fed Cup Anfang Februar in Braunschweig wird sie wie angekündigt nicht spielen, als nächste Turniere stehen Doha und Dubai Mitte Februar auf dem Programm.

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