Franzis Ritterschlag

von Redaktion

Am Schlusstag in Ruhpolding gelingt Franziska Preuß in spektakulärer Manier ihr erster Sieg

VON ARMIN GIBIS

Ruhpolding – Die letzten Momente in den vier Ruhpoldinger Biathlon-Tagen waren die mit Abstand lautesten. Denn es galt, Franziska Preuß zum Heimsieg zu brüllen. Seite an Seite mit der Norwegerin Ingrid Tandrevold war die 24-Jährige auf die Zielgerade geskatet, jeder Stockschub wurde fortan von 24 500 Zuschauern mit maximaler Phonstärke begleitet, und am Ende gelang es der jungen Frau vom SC Haag tatsächlich, den Fans und vor allem auch sich selbst das ersehnte Erfolgserlebnis zu bescheren.

Für Franziska Preuß war es der erste Weltcupsieg überhaupt. Und dann auch noch in einem Massenstart in Ruhpolding, dem Grand-Slam-Ort dieser Sparte – das ist schon wie ein Ritterschlag im Biathlon. Teamgefährtin Denise Herrmann, die mit Rang 12 endlich die WM-Qualifikation sicherstellte, meinte: „Unglaublich wie geil die Franzi ihr Finish durchgezogen hat.“ Genau umgekehrt verlief das Rennen für die sonstige Paradefrau: Laura Dahlmeier, die nach ihrer Pause noch nicht voll bei Kräften ist, schoss sechs Mal daneben und wurde Letzte der 30 Starterinnen.

Schon in den letzten Tagen hatte die Franzi, wie Preuß genannt wird, einen überaus munteren Eindruck gemacht. Am Samstag war sie nach starkem Rennen mit der Staffel Dritte geworden, danach meinte sie: „Ich gewinne gerade die Lockerheit, die Frechheit von früher.“ Die Oberbayerin hatte sich ja schon früh als Hochbegabte entpuppt, 2015 holte sie WM-Silber im Massenstart. Doch die folgenden Jahre wurden immer wieder von gesundheitlichen Problemen überschattet.

Die schweren Zeiten hat sie hinter sich gelassen. „Ich war wie in einem Flow, das war das perfekte Rennen“, sagte sie gestern. Preuß räumte alle 20 Scheiben ab, nach dem letzten Schießen ging sie mit fünf Sekunden Vorsprung vor Tandrevold in die Loipe. Über ihre Verfolgerinnen wusste sie aber nur ungefähr Bescheid: „Auf der Strecke war es so laut, dass ich die Zurufe der Trainer nicht mehr gehört habe.“ Auf dem Monitor sah sie dann allerdings, wie ihr Tandrevold mit Schlittschuhschritten immer näher kam: „Es war wirklich ein harter Kampf.“ Am Ende trennten sie von ihrer Kontrahentin gerade mal 0,2 Sekunden „Ich bin sehr stolz, dass ich das geschafft habe“, meinte Preuß.

Schon große Routine im Siegen hat dagegen Johannes Thingnes Bö. Der Norweger war der große Triumphator der vier Ruhpoldinger Weltcup-Tage. Weltklasse ist der Einzel-Olympiasieger von Pyeongchang schon in den vergangenen Jahren gewesen, trotzdem hatte er im Schatten des französischen Superstars Martin Fourcade gestanden, der sieben Mal in Folge den Gesamtweltcup gewann. Doch der Norweger zertrümmerte in den zurückliegenden Monaten die Vorherrschaft des Seriensiegers, nun untermauerte er den Machtwechsel mit einer makellosen Bilanz: Drei Starts, drei Siege.

Ganz besonders offenbarten sich die neuen Verhältnisse im Männer-Biathlon im Massenstart: Erst rackerte sich Johannes Thingnes Bö zusammen mit Fourcade auf der Schlussrunde an ein um 15 Sekunden enteiltes Trio heran, und als es im neu formierten Führungstrio um die Entscheidung ging, übernahm Bö die eiserne Kontrolle. Fourcade musste abreißen lassen und sich geschlagen geben, mit 8,6 Sekunden Rückstand erreichte er das Ziel. Im Finish bezwang Bö Julian Eberhard (Österreich/0,6 Sekunden zurück) und Quentin Fillon Maillet (Frankreich/2,8).

Für den Norweger war es der neunte Sieg im zwölften Weltcuprennen dieses Winters, für den viertplatzierten Fourcade blieb die bittere Erkenntnis, dass er seit seinen drei Olympiasiegen von Pyeongchang einen beträchtlichen Teil seiner Leistungskraft eingebüßt hat. Über die Gründe rätselt der Franzose noch. Möglicherweise waren es nach Olympia der Werbetermine zu viel. Zudem gab es Veränderungen, die Fourcade etwas aus dem Gleichgewicht gebracht haben könnten: Seit dieser Saison hat er einen neuen Trainer und eine neue Skimarke. Nicht ausgeschlossen aber ist auch, dass Fourcades ganz große Zeit einfach vorüber ist.

Artikel 5 von 11