Geheimfavoritin

von Redaktion

Geerdete Kira Weidle überzeugt mit Platz vier

VON ELISABETH SCHLAMMERL

Cortina d’Ampezzo – Eine knappe Minute lang sah Kira Weidle vom Starthaus aus Kira Weidle fahren – oder diejenige, die der Sprecher dafür hielt. Der hatte die Schweizerin Joana Haehlen mit der Deutschen verwechselt. Es ist dem Mann zugute zu halten, dass er sich sehr viele Läuferinnen an dem Weltcup-Wochenende in Cortina d’Ampezzo merken musste – und womöglich gehört Weidle nicht zu denjenigen, auf die er bei seiner Vorbereitung den Fokus gelegt hatte.

Das dürfte sich geändert haben. Er weiß nun nicht nur, dass sie Deutsche ist und keinen Schweizer Rennanzug trägt, sondern auch, dass sie ziemlich schnell ist, am Samstag bei der Abfahrt war sie schneller als alle Eidgenossinnen. Mit Platz vier schaffte die Starnbergerin ihr zweitbestes Karriereresultat und verpasste das Podium, auf dem sie in Lake Louise im Dezember als Dritte schon einmal gestanden war, nur um zwölf Hundertstelsekunden. Siegerin Ramona Siebenhofer aus Österreich war eine halbe Sekunde schneller. „Ich bin in einem ganz guten Flow drin“, sagte Weidle

Später kam sie zum ersten Mal in den Genuss einer Siegehrung mitten im Ort, im Weltcup-Resort in den kanadischen Rocky Mountains hatte es lediglich die Zeremonie nach dem Rennen gegeben, als nur noch ganz wenige Zuschauer da waren. Der große Platz vor der Kirche in Cortina war am Samstagabend gut gefüllt, und Weidle klatschte auf dem Weg zur Bühne mit vielen Menschen ab. Überhaupt war dies das Wochenende der Premieren für sie, denn am Tag zuvor stand sie schon einmal auf dieser Bühne und gab ihr Debüt bei der öffentlichen Auslosung, bei der die besten zehn Abfahrerinnen die Startnummer wählen dürfen. „Das ist schon cool“, sagte sie, denn damit „gehört man zur erweiterten Weltspitze“.

Nicht einmal 20 Weltcup-Abfahrten hatte sie bis zu ihrem ersten Podiumsplatz bestritten. Lindsey Vonn gelang dies einst in ihrer 14. Abfahrt allerdings mit erst 19, Weidle ist 22, aber damit im internationalen Vergleich immer noch früh dran. In der Abfahrt wenigstens. Im Super-G läuft es noch nicht rund. Platz 19 gestern war ihr bestes Resultat in dieser Saison.

Cheftrainer Jürgen Graller nährt die Hoffnung der deutschen Alpinen, nach ein paar schwierigen Jahren bald wieder eine Siegfahrerin in der Abfahrt zu haben. „Wenn bei ihr alles zusammenpasst, haben wir noch viel Freude mit ihr“, ist er sicher, denn: „Kira bringt für die Abfahrt alles mit.“ Gute physische wie psychische Voraussetzungen, und sie könne, findet er, „loslassen. Sie hat auch genügend Freiraum im Kopf.“ Den hat sie aber wohl nicht von Anfang an richtig genutzt. Nachdem sich Weidle im vergangenen Winter überraschend für die Olympischen Spiele qualifiziert hatte, war die damals 21-Jährige offenbar dabei, ein wenig die Bodenhaftung zu verlieren. Graller knöpfte sich seine Athletin vor. Eine Stunde habe er mit ihr diskutiert, und „das war kein feines Gespräch“, gibt er zu. Aber sie habe gelernt, ihre Leistung richtig einzuordnen.

Ein bisschen hängt dies ja auch zusammen mit dem, was dann im Rennen herauskommt. Überzogene Vorstellungen sind selten zielführend. Wenn Weidle nun sagt, sie sei „noch immer nicht ganz angekommen in der Weltspitze“, klingt dies aber mittlerweile fast zu bescheiden. Denn wer in den Abfahrten dieser Saison nur einmal schlechter als Achte war, darf schon von sich behaupten, zu den Besten zu gehören.

Viktoria Rebensburg, Fünfte in der Abfahrt, traut ihrer Mannschaftskollegin sogar bei der WM im Februar eine Überraschung zu: „Kira ist in der Abfahrt wirklich on fire. Wenn sie so weitermacht, kann sie schon zu einer Geheimfavoritin in Are werden.“ Medaillenkandidatinnen sind aber andere. Bei diesem Großereignis jedenfalls noch.

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