Es hat nicht sollen sein. Einen Schritt vor dem Traumziel Herning haben die deutschen Handballer nun also doch ihren Meister gefunden. Norwegen darf wie schon vor zwei Jahren in Frankreich nach der WM-Krone greifen. Und keine Frage: Die Hochgeschwindigkeits-Handballer aus Skandinavien sind ein würdiger Herausforderer für Co-Gastgeber Dänemark.
Dem Ensemble von Bundestrainer Christian Prokop bleibt nur die Hoffnung auf das Trostpflaster in Gestalt der Bronzemedaille. Schade – vor allem die makellose Hauptrunde hatte bis zuletzt auf eine Wiederholung des Wintermärchens von 2007 hoffen lassen. Aber es passte irgendwie zu diesem Turnier: Das Team um den dynamischen Kapitän Uwe Gensheimer ist am Ende genauso hinreißend gescheitert, wie es zuvor von Sieg zu geeilt war.
Und auch wenn es jetzt noch nicht sichtbar ist: Der Kater der Niederlage von Hamburg wird irgendwann vergehen – vielleicht am Sonntag schon, im kleinen Finale gegen Frankreich. Und dann wird hängen bleiben, was da bei dieser Weltmeisterschaft im Geburtsland der Sportart gelungen ist. Die deutschen Ballwerfer haben das Land 14 Tage lang verzaubert. Von den Fans in den Hallen und vor den Fernsehschirmen bis hinauf zur Bundeskanzlerin – ganz Deutschland war Handball, ganz Deutschland wollte ein bisschen Gensheimer, Andreas Wolff oder wenigstens Patrick Wienczek sein.
Einen derartigen Rausch haben abseits der Fußballer noch nicht viele erzeugt. Ende des alten Jahrtausends war, ja, in der Tat, Deutschland auch mal Radsport. Die Kämpfe von Jan Ullrich um die Tour-de-France Krone, egal wie sie nun zustande gekommen sein mögen, lockten die Menschen erst vor die Bildschirme und dann – und das war die unbestreitbar gute Seite – auch selbst in den Fahrradsattel. Und dann waren da natürlich die Handballer selbst. Ihnen ist so ein Kunststück schon 2007 beim Titelgewinn im eigenen Land und mit Abstrichen auch bei der EM 2016 in Polen gelungen.
Und nun also diese WM 2019. Dieser grandiose Auftritt einer Mannschaft, die – was für wunderbare Perspektiven – noch in der Entwicklung ist. Schon in einem Jahr ist wieder Handball, dann geht es in Österreich, Norwegen und Schweden um den kontinentalen Titel. Heimvorteil von Berlin, Köln und Hamburg hat man dann zwar nicht mehr. Doch mit diesem Charakter ist dem deutschen Team auch dort alles zuzutrauen.
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