Wie wertvoll Fußball-Talent sein kann, haben uns gerade auch die Bayern wieder gezeigt. Für läppische zehn Millionen holten sie den gerade mal 18-jährigen Alphonso Davies aus Kanada, an die 40 Millionen soll ihnen der Brite Hudson-Odoi, ebenfalls zarte 18, wert sein. Dabei haben die Münchner erst 70 Millionen in ihr Nachwuchsleistungszentrum investiert, laut Hoeneß der Gegenentwurf zum Transferwahnsinn und zur Explosion der Gehälter. Selber Top-Talente entwickeln, statt Irrsinnssummen in fremde Spieler zu stecken, war das nicht der Plan?
Irgendwie schon, wobei nie gesagt wurde, wann er wie erhofft umgesetzt werden kann. Entwicklung braucht Zeit. Und wer sofort Erfolg will, kann nicht warten. Auch wenn es schon irgendwie ein fatales Zeichen an den eigenen Nachwuchs und deren Trainer ist, wenn man Talent und Ausbildung anderer so viel höher einschätzt.
Kann man natürlich auch anders sehen, das Fußball-Geschäft ist inzwischen ohnehin voller Widersprüche und gänzlich irrational. Ganz oben werden Summen bezahlt, die kein Mensch mehr begreifen und schon gar nicht vertreten kann, ein, zwei Spielklassen tiefer nagen sie am Hungertuch. Noch verrückter aber ist, dass sich der Wahnsinn immer weiter nach unten schiebt. Ein Zwölfjähriger, der in einem höherklassigen Verein einigermaßen die Kugel trifft, kann ziemlich sicher sein, demnächst angebaggert zu werden von einem gierigen Spielerberater.
Machen die natürlich nur äußerst widerwillig, sie unterliegen halt Zwängen. Weil die anderen auch nicht schlafen. Und ist das Talent erst mal weg, kriegt man es nicht mehr. Also so früh wie möglich. So neu aber ist das nicht, schon vor knapp 20 Jahren, erinnern wir uns, hat sich in unserer unmittelbaren Umgebung ein hochbegabter, damals 14-Jähriger an einen Berater gebunden, bei der feierlichen Unterzeichnung der Vereinbarung auf der Terrasse des Elternhauses war sogar das Fernsehen dabei.
Natürlich holte der FC Bayern so ein Top-Talent sofort in sein Jugendhaus, merkte aber bald, dass das Talent nicht ganz so top war. Also weg damit, ins nächste Leistungszentrum, von dort leicht frustriert zurück in die Heimat, zu kleineren Klubs, gereicht hat es schließlich für Bezirksliga, Landesliga. Der Berater, der eigentlich auch einen Plan B für den Jungen gehabt haben sollte, hat ihn schnell vergessen (und sich die nächsten Hoffnungsträger gekrallt).
Bald werden sie Zehnjährige verpflichten, über Facebook lässt sich schnell Kontakt kriegen, sie werden ihnen Flausen in den Kopf setzen, ihnen eine große Zukunft versprechen, die dann nur in den allerseltensten Fällen wahr wird. Aber wenn, dann hat es sich gelohnt. Für den Berater. Die vielen Gestrandeten sind dann so etwas wie bedauerliche Kollateralschäden, Fehlinvestitionen, von der Steuer abschreibbar. Und man sucht den nächsten künftigen Superstar, dann halt bei den Achtjährigen, bevor sich der an einen Konkurrenten bindet. Was machen wir, was macht der Fußball nur mit unseren Kindern? Eiskalte Geschäfte, auf Kosten ihrer Kindheit?
Vor diesem Kontext bekommt eine zunächst recht harmlose Meldung ein anderes Gewicht. Hertha BSC Berlin kooperiert nun, so hört man, mit dem Berliner Hebammenverband, gemeinsam „für die Zukunft Berlins“. Die werden doch nicht. . .? Dass die Geburtshelferinnen darin geschult werden, schon bei Neugeborenen Anzeichen für eine spätere Spitzensportkarriere zu erkennen, ist natürlich gelogen. Wäre aber eine Möglichkeit, den Irrsinn endgültig auf die Spitze zu treiben. In diesem Geschäft scheint ja nun wirklich nichts unmöglich. Absolut nichts.
Die Jagd der Fußball-Schaffenden nach den künftigen Superstars treibt immer absurdere Blüten