Im Expresstempo ins Finale

von Redaktion

Nadal und Djokovic zeigen grandiose Form

VON DORIS HENKEL

Melbourne – Wie soll man Novak Djokovic aufhalten, wenn der in knapp anderthalb Stunden nur fünf unerzwungene Fehler macht? Es war ein Ding der Unmöglichkeit für den französischen Außenseiter Lucas Pouille. Im Expresstempo und mit atemberaubender Präzision rauschte Djokovic (31) Freitagabend in Melbourne durch das Spiel, und wenn es nicht einen großen Vergleich gäbe, dann müsste man spätestens nach dem 6:0, 6:2, 6:2 sagen, er sei der große Favorit für das Finale der Australian Open.

Doch hatte Rafael Nadal, gegen den er am Sonntag um den Titel spielen wird, nicht in ähnlich dominanter Form am Tag zuvor gegen Stefanos Tsitsipas gewonnen? Hatte er, und deshalb sprach der Serbe noch auf dem Platz die einzig richtige Empfehlung aus: „Ich würde definitiv eine Karte für das Spiel kaufen, falls Sie noch keine haben.“

Um zu wissen, wie gut Rafael Nadal (32) dieser Tage in Form ist, musste man nach dem ersten Halbfinale nur einen Blick auf Tsitsipas werfen. Der war nach dem 2:6, 4:6, 0:6 sichtlich erschüttert und meinte, er habe keine Ahnung, was als Erkenntnis aus diesem Match mitnehmen solle. „Ich war nicht mal in der Nähe, irgendwas mitnehmen zu können. Es war eine andere Dimension von Tennis, die er gespielt hat. Ich kam mir vor wie ein Zwei-Meter-zehn-Mann, der sich nicht bewegen kann.“

Und um zu wissen, welche Bedeutung der Sieg für den anderen hatte, genügte ein Blick auf Nadal beim Weg durch die Katakomben vorbei an den Namen der früheren Sieger. Wie er versonnen lächelnd und in sich versunken durch diesen Gang ging und dabei aussah wie einer, der von einem Rendezvous mit der wieder aufgetauchten ersten großen Liebe kommt.

Als sich Djokovic auf die Partie gegen Pouille vorbereitete, gönnte sich der Spanier mit Freundin und Freunden einen kleinen Ausflug in die Bucht nach St. Kilda. Normalerweise hat es nichts mit Chancengleichheit zu tun, wenn der eine Kandidat zwei Tage zur Vorbereitung auf das letzte Spiel des Turniers hat, der anderen hingegen nur einen. Aber diesmal macht es fast keinen Unterschied, weil Djokovic genauso schnell gewann wie Nadal am Tag zuvor.

Djokovic und Nadal gehen in grandioser Form in das letzte Spiel. Und bei dieser Konstellation ist es schwer, nicht in Erinnerungen an das grandiose Finale der beiden im Jahr 2012 zu schwelgen. Nicht nur, weil kein Spiel um den Titel eines Grand-Slam-Turniers je länger dauerte, sondern vor allem, weil jene fünf Stunden und 53 Minuten damals bis zum Rand gefüllt waren mit kaum glaublichen Ballwechseln, phänomenaler Athletik und Emotionen nahe des Siedepunkts.

Die Zuschauer auf den Rängen schnappten nach Luft, weil die Spannung kaum mehr auszuhalten war, und irgendwie war es ein passender Schluss, als sich Djokovic nach dem entscheidenden Punkt das Hemd vom Körper riss, nachts um halb zwei. „Ich weiß nicht, ob ich das gut erklären kann“, sagte Nadal damals hinterher, „aber wenn du fit bist, wenn du Leidenschaft hast, wenn du für die Herausforderung bereit bist, dann bist du in der Lage, alles auszuhalten. Ich habe gelitten während dieses Spiels, aber ich habe es genossen, jede einzelne, schwierige Situation.“

Seit 13 Jahren begegnen sich der Serbe und der Spanier weltweit auf allen Turnieren, doch das legendäre Finale 2012 steht kurioserweise einzige gemeinsame Begegnung in Melbourne zu Buche. In der Bilanz führt Djokovic mit 27:25, löst man aber die Spiele bei den Grand-Slam-Turnieren heraus, sieht die Sache für Nadal deutlich besser aus – da führt er 9:5.

Eine andere, auf die Australian Open bezogenen Tendenz, spricht hingegen wieder deutlich für Djokovic, der von sechs Endspielen in der Rod Laver Arena keine einzige verlor; vier gewann er gegen Andy Murray, das erste anno 2008 gegen den Franzosen Jo-Wilfried Tsonga, dazu den Klassiker gegen Nadal. Der stand viermal im Finale und gewann nur das erste, vor zehn Jahren gegen Roger Federer, der danach in Tränen aufgelöst auf dem Podium stand und erst wieder halbwegs zu sich fand, nachdem ihn der Sieger getröstet hatte. Auch das eine Erinnerung aus der prall gefüllten Schatzkiste einer großen Generation.

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