München – Der Papa war schnell ausfindig gemacht. Er saß doch auf der Tribüne und stand nicht wie zunächst angenommen irgendwo am Rande der Piste. Das hatte Sepp Ferstl nämlich früher immer getan, wenn sein Sohn auf der Streif fuhr. Aber die guten Tipps, wie man eine der anspruchsvollsten Strecke im Ski-Weltcup bewältigt, braucht Josef Ferstl schon länger nicht mehr. Und seit Sonntag weiß er auch, wie es seinem Vater vor 40 Jahren ergangen war, als er das Hahnenkammrennen gewonnen hatte, zum zweiten Mal in Serie.
Als Josef Ferstl als Sieger des Super-G von Kitzbühel feststand, drehte sich nicht nur alles um ihn, sondern eben auch um diese sehr spezielle Familiengeschichte. „Man wird immer verglichen mit dem Papa“, sagte er. Da ergeht es ihm nicht anders als Felix Neureuther, dessen Vater Christian ebenfalls vor 40 Jahren in Kitzbühel gewann, allerdings nicht die Abfahrt, sondern den Slalom.
Drei Tage vor seinem Sieg war Josef Ferstl zusammen mit Felix Neureuther in einem Kirchberger Hotel bei einer Pressekonferenz gesessen. Als die fast zu Ende war, kam Neureuther auf das Jubiläum der Väter zu sprechen. Er wundere sich, sagte er, dass niemand dazu etwas wissen wolle.
Es spricht für die beiden, dass sie nicht mehr als Söhne erfolgreicher Skirennläufer wahrgenommen werden. Felix Neureuther musste dazu allerdings erst selbst Kitzbühel gewinnen. „Das war für ihn damals der Befreiungsschlag“, sagt Christian Neureuther. Josef Ferstl hatte es da in der Öffentlichkeit von Anfang etwas einfacher. Zum einen lastete auf ihm anders als bei Neureuther einst nicht die gesamte Last, den deutschen Alpinen Erfolge zu bescheren. Und er hatte nur einen Streif-Sieger als Vater und nicht auch noch eine Doppel-Olympiasiegerin zur Mutter. Der Name Neureuther-Mittermaier hat noch einmal eine größere Strahlkraft als Ferstl.
Beim Super-G-Sieger von 2019 begann der Emanzipationsprozess schon vor längerer Zeit. Für Christian Neureuther ist ein Indiz dafür, dass Josef Ferstl auf eine eigene Gondel in Kitzbühel besteht und sie nicht mit dem Vater teilen will, wie er am Sonntag betonte. „Dem Felix wäre das damals wurscht gewesen“, sagt Neureuther.
Josef Ferstl ist 30 und als Familienvater längst abgenabelt vom Elternhaus. Zudem war der Sieg in Kitzbühel schon seit zweiter im Weltcup, zum ersten Mal stand er im Gröden im Dezember 2017 ganz oben.
Natürlich war der Vater sein Vorbild, Aber Druck, sagt Josef Ferstl, habe er keinen ausgeübt. „Er hat mich nie zu irgendetwas gezwungen.“ Vielleicht nicht als die Entscheidung anstand, ob der Sohn Skirennfahrer werden will oder nicht. Aber früher, als Kind, schon, erinnert sich Josef Ferstl. Als er zum ersten Mal mit dem Papa bei der Besichtigung am Hahnenkammwochende auf die präparierte Streif durfte, schickte ihn Sepp Ferstl über die Traverse. „Irgendwann bin ich dann unten am Netz im Tiefschnee zum Stehen gekommen. Ich habe geplärrt, ich habe geflennt, ich habe geweint. Er hat gelacht.“ Den Spaß am Skifahren hat er dadurch aber nicht verloren.
Vater und Sohn sind nicht aus dem gleichen Holz geschnitzt. Sepp Ferstl war zu seiner aktiven Zeit ein Draufgänger, und ist noch immer, sagt Christian Neureuther, „ein wilder Hund mit einem großen Herzen“, Josef ist besonnener, überlegte. „Der kommt halt eher nach der Mama“, sagte Sepp Ferstl. Dass er manchmal das Limit nicht ganz ausreizt, wie bei der Lauberhornabfahrt in Wengen, hat ihm schon den einen oder anderen Erfolg gekostet. Aber viel fehlt nicht mehr, und er hat den Vater eingeholt. Denn Sepp Ferstl hatte einst neben den beiden Abfahrten in Kitzbühel nur noch einen weiteren Weltcup-Sieg geholt. Und mit 30 kommt der Junior ja gerade ins beste Abfahrtsalter.