Das große Endspiel

von Redaktion

Der Deutsche Handball-Bund versucht ab jetzt, das WM-Hoch nachhaltig für sich zu nutzen

Herning – Mit dem einen oder anderen Frustbier und einem gemeinsamen Essen verabschiedeten sich die enttäuschten deutschen Handballer ohne die erhoffte WM-Medaille in einen Kurz-Urlaub. Für Andreas Wolff und seine Kollegen geht es in der Bundesliga am 7. Februar weiter, für die Verbandsführung dagegen begann schon am Tag nach dem Ende der gelungenen Heim-WM wieder der Alltag – mit viel Arbeit.

In den kommenden Monaten soll der Boom, anders als beim Wintermärchen vor zwölf Jahren, nachhaltig genutzt werden. „Die WM gibt natürlich einen Schub“, sagte DHB-Präsident Andreas Michelmann. „Da haben wir inzwischen die nötigen Formate, die es 2007 noch nicht gab. Es muss schneller möglich sein, aus diesem WM-Effekt der hervorragenden sportlichen Leistung, der großartigen Stimmung in den Hallen und der großen Medienpräsenz, Wirkung zu erzielen.“

Der Handball wittert seine Chance, sich als Teamsportart Nummer zwei hinter Fußball zu etablieren. „Entscheidend ist für uns, dass sich die Kurve langfristig nach oben bewegt“, sagte Vorstandschef Mark Schober. „Wir können dank der langfristigen TV-Verträge jetzt jedes Jahr einen Peak erreichen und haben 2024 eine Heim-EM. Es deutet alles darauf hin, dass wir eine kontinuierliche Steigerung erreichen können.“

Die Voraussetzungen dafür sind günstig. Der Verband hat sich in den vergangenen Jahren reformiert und professionelle Strukturen geschaffen. Mit konzertierten Aktionen wird seit geraumer Zeit an Schulen und in Kindergärten um Nachwuchs geworben. Auch Themen wie Ehrenamt, Trainerausbildung und Gewinnung von Schiedsrichtern stehen nicht erst seit den begeisternden WM-Tagen auf der Agenda.

„Als Dachverband können wir Leuchtturmprojekte machen und beraten, aber wir brauchen natürlich unsere Landesverbände, die Vereine und die Spieler bis zur untersten Ebene, die die Werte des Handballs weitergeben“, sagte Schober und zählte auf: „Bodenständigkeit, Nahbarkeit, Durchsetzungsfähigkeit, Teamfähigkeit.“

Die wurden einem Millionenpublikum vor den TV-Geräten vermittelt. „Handball ist 60 Minuten Schweiß, Tränen und Action – das haben wir Deutschland präsentiert“, sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning. „Es ist wichtig, dass wir das rübergebracht haben.“

Ausgerechnet Heiner Brand, Weltmeistertrainer von 2007, äußerte sich aber skeptisch. „Volksnähe, Bescheidenheit, Bodenständigkeit sind Attribute, die den Handball schon immer ausgezeichnet haben. Das hat man schon immer gelobt, hat sich bisher nach einem großen Erfolg aber nicht ausgewirkt“, sagte er.

Schon damals sei nach dem WM-Triumph versucht worden, in die Schulen zu gehen. „Aber über die Inhalte in den Sportstunden wird in Ministerien entschieden“, sagte Brand. Hinzu kommt das Problem mit der Infrastruktur, die Hallenkapazitäten sind beschränkt und bei weitem nicht ausreichend.

Der DHB zeigt sich optimistisch. Entscheidend wird aber sein, ob sich das Nationalteam auf Dauer in der Weltspitze etablieren kann. Das war weder nach dem WM-Sieg 2007 noch nach dem sensationellen EM-Triumph 2016 gelungen. Für Brand steht fest: „Die beste Möglichkeit, den Handball in Deutschland populärer zu machen, sind Erfolge der Nationalmannschaft.“

Dazu gibt es 2020 gleich zwei Chancen – erst bei der EM und dann bei den Olympischen Spielen.  dpa

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