Der eiserne Griff des Gladiators

von Redaktion

Melbourne-Rekordsieger Novak Djokovic demonstriert gegen Nadal seine aktuelle Dominanz

VON DORIS HENKEL

Melbourne – Novak Djokovic war von Anfang an ein Meister der freien Rede, und nach 14 Jahren im Geschäft ähnelt er immer mehr einem Spitzendiplomaten, der den Ton selbst bei Nuancen trifft. Zu den ungezählten Fragen nach seinem siebten Coup bei den Australian Open gehörte natürlich die eine, ob er diesen Erfolg noch vor einem Jahr für möglich gehalten hätte. In den ersten Februartagen 2018 hatte er sich einer Operation des rechten Ellbogens unterzogen, Wendepunkt einer längeren Leidensgeschichte, für die er in sechs Monaten Spielpause keine Lösung gefunden hatte. Also, rückblickend, hätte er sich vorstellen können, zwölf Monate später den australischen Pokal in den Händen zu halten? „Nicht unmöglich“, antwortete er, „aber höchst unwahrscheinlich. Ich will nicht arrogant klingen, aber ich glaube immer an mich, und das ist vermutlich auch das größte Geheimnis meines Erfolges.“

Sich selbst auch in finsteren Momenten als Sieger vorstellen zu können – das allerdings ist leichter gesagt als getan im Sport, wo die eigene Leistung immer an der mindestens eines Gegners gemessen wird. Einer, der sein Bein verliert, wird darum kämpfen, wieder laufen zu können, der Sieg über sich selbst reicht im Sport aber oft genug nicht aus, um sich am Ende den Pokal schnappen zu können. Bis Anfang Juni, bis zu seiner Niederlage im Viertelfinale der French Open gegen einen kaum bekannten Italiener, hatten sich viele Bewohner des Planeten Tennis Gedanken gemacht, ob man Novak Djokovic noch mal in der Rolle des Gladiators sehen werde. Doch seit dem Sieg in fünf Sätzen im dramatischen Halbfinale von Wimbledon gegen Rafael Nadal erinnert er immer öfter an jenen Mann, der zwischen 2015 und 2016 vier Grand-Slam-Turniere nacheinander gewonnen hatte und der damals so überlegen gewonnen hatte als sei er der Konkurrenz entrückt.

Beim Sieg im höchst einseitigen Finale von Melbourne hielt er Nadal mit eisernem Griff umklammert – und der wirkte phasenweise so hilflos wie dessen Gegner in den Runden zuvor. Woher diese neue Phase der Überlegenheit kommt? Es sieht so aus, als ob im Familienleben nach ein paar Turbulenzen wieder alles stimme, die Rückkehr seines langjährigen Coaches Marian Vajda tut Djokovic gut, und er ist wieder mit dem gleichen Hunger, mit der gleichen Akribie und nimmermüden Ambition bei der Arbeit wie vor drei Jahren. Im Halbfinale und Finale von Melbourne zusammen leistete er sich nicht mehr als 15 unerzwungene Fehler, und sowohl in der Offensive als auch in der Defensive schien er immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Nadal musste manchmal das Gefühl haben, gegen einen doppelten Gegner zu spielen; der Typ auf der anderen Seite war einfach überall. Wie man eine solche Form von Überlegenheit erreicht? Vom Kampfkünstler und Schauspieler Bruce Lee stammt der Satz: Ich fürchte nicht den Mann, der 10 000 Tritte beherrscht, sondern ich fürchte jenen Mann, der einen einzige Tritt 10 000 Mal übt.“ Jelena Djokovic, Novaks Frau, zitiert diesen Satz in einem Aufsatz mit dem Titel: Wie man ein Champion wird – und man kann davon ausgehen, dass er in der Familie beherzigt wird.

Mit dem siebten Titel in Melbourne führt er die Liste der Sieger in Australien nun unangefochten an, insgesamt ist er bei 15 Grand-Slam-Titeln angekommen. Das sind fünf weniger als Roger Federer und nur noch zwei weniger als Nadal, aber interessant ist auch eine andere Statistik – die Liste der Sieger seit Anfang 2017, also im weiteren Sinne der Gegenwart. Federer gewann drei (Australian Open ‘17 und ‘18, Wimbledon ‘17), Nadal gewann drei (Paris ‘17 und ‘18 und die US Open ‘17), und Djokovic gewann drei (Wimbledon und US Open ‘18 und Australian Open ‘19). Falls sie weiter nach diesem System arbeiten wird sich an der Gesamtlage in Sachen Grand Slam nichts ändern. Falls.

Derzeit sieht es so aus, als sei Djokovic den beiden und auch den jungen Leuten um Alexander Zverev, Tsitsipas und anderen ein gutes Stück voraus. Aber bis zur nächsten Probe aufs Exempel sind noch viereinhalb Monate Zeit. Gewinnt der Serbe wie 2016 den Titel in Paris – Nadal hatte seinerzeit vor der dritten Runde wegen einer Handgelenksverletzung aufgegeben –, dann könnte das ein entscheidender Schritt Richtung Mount Everest sein. Was er dazu sagt? „Ich bin mir bewusst, dass es was Besonderes ist, in diesem Sport, den ich von Herzen liebe, Geschichte zu schreiben. Das motiviert mich, ganz klar.“ Dazu erst mal keine weiteren Fragen.

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