München – Es gibt im Fußball die verschiedensten Möglichkeiten, Nein zu sagen, wenn man um eine Auskunft gebeten wird. Matthias Sammer führte zu seinen Zeiten als Bayern-Sportvorstand gerne die Hand an den Hals und krächzte, um zu signalisieren: Tut mir leid, aber die Stimme ist weg! James Rodriguez wiederum hielt sich am Sonntag bei Betreten der Mixed Zone demonstrativ das Handy ans Ohr, ein international anerkanntes Zeichen für Interview-Verweigerung. Und Jerome Boateng sah in seinem knallorangenen Kapuzenpulli zwar fröhlich aus, ging mit seinem Rollkoffer aber so resolut durch die Interviewzone, dass man gar nicht erst auf den Gedanken kam, ihn anzusprechen.
Für einen 4:1-Sieg wie am Sonntag gegen den VfB Stuttgart war die Laune beim FC Bayern bemerkenswert trüb, nicht nur beim spät von einer Erkältung genesenen Reservisten Boateng oder bei James, der lediglich eine Viertelstunde hatte mitwirken dürfen. Auch die aktiveren Sieger waren erkennbar ernüchtert nach einem Spiel, in dem es zwischenzeitlich gar nicht nach einem klaren Bayern-Erfolg ausgesehen hatte. Gegen einen VfB, „der nicht gerade einen Lauf hat“, müsste man nach früher Führung doch „den Sack zumachen“, klagte Joshua Kimmich. Stattdessen fing man sich aus dem Nichts ein Kontertor zum 1:1 und hatte Mitte der zweiten Halbzeit Glück, dass die Gäste eine Großchance zum erneuten Ausgleich vergaben. Parallelen zum 3:1 eine Woche zuvor in Hoffenheim waren offensichtlich.
Legt man allein die Zahlen zu Grunde, haben die Bayern durchaus so etwas wie einen Lauf. Der Sieg über Stuttgart war der siebte in Serie nach dem schlimmen 3:3 Ende November gegen Fortuna Düsseldorf, dem emotionalen Tiefpunkt der Hinrunde. Doch obwohl der Rekordmeister die Konstanz wiedergefunden hat, muss er mitansehen, wie Borussia Dortmund an der Tabellenspitze einsam seine Bahnen zieht. Immer wieder auf den souveränen Primus angesprochen zu werden, nagt am Selbstverständnis, zumal bei den jüngsten Auftritten die Ergebnisse erfreulicher waren als die Leistungen. Die Verwundbarkeit bei Kontern konnte auch in der Winterpause nicht abgestellt werden. „Wenn wir noch mehr Punkte liegen lassen, ist es so gut wie vorbei“, ahnt Kimmich.
„Abhaken, weiter geht’s!“, sagte Niko Kovac zum Abschluss seiner Spielkritik, in der er ungewöhnlich harsch über seine Mannschaft gerichtet hatte („35 Minuten überhaupt nicht stattgefunden“). Der Blick geht nicht allein nach Dortmund, sondern vor allem auf jenen Termin am 19. Februar, dem die Bayern seit Mitte Dezember entgegenfiebern. Das Champions-League-Duell mit dem FC Liverpool ist Sehnsuchtsziel und Motivation, nicht nur für James Rodriguez, der dort den rotgesperrten Thomas Müller ersetzen könnte. Alles, was jetzt geschieht, steht immer auch in Verbindung mit dem Treffen an der Anfield Road. „Wahrscheinlich sollten wir jetzt noch gar nicht unsere beste Form haben“, findet Robert Lewandowski. Auch das ist eine Möglichkeit, aktuelle Versäumnisse zu relativieren.
Hinter verschlossenen Türen dürfte das anders klingen. Gegen ein Ensemble wie Liverpool, dessen furiose Offensive schon ganz andere Gegner überrannt hat, werden sie definitiv besser sortiert sein müssen als gegen Hoffenheimer und Stuttgarter. Im Sinne des Formaufbaus findet Kimmich es deshalb gar nicht schlecht, dass das Programm in der Bundesliga mit Spielen gegen Leverkusen und Schalke nun anspruchsvoller wird. Vor allem Bayer habe „eine ganz gute Geschwindigkeit“. Danach sind es dann noch 17 Tage bis Liverpool. „2,3 Wochen sind im Fußball viel Zeit“, erinnert Lewandowski. Er hofft, „dass die Form genau im richtigen Moment kommt“.