München – In der Kaffeerösterei am Viktualienmarkt hat Christoph Dommisch neulich einen Mann getroffen, von dem er sich früher oft gefragt hat, ob es ihn überhaupt gibt. Der Mann arbeitet dort, ab und zu trägt er eine Mütze der Green Bay Packers, einem Football-Club der NFL, – und natürlich hat er Dommisch erkannt, mit ihm über die NFL, die ziemlich spektakuläre US-Profiliga gesprochen, ihm sogar einen Kaffee ausgegeben. Der Mann sieht fast jeden Sonntag zu, wenn Dommisch in einem großen TV-Studio in Unterföhring sitzt, wo ProSieben meistens auf seinem Spartenkanal MAXX die Spiele der NFL überträgt. Im Durchschnitt schauen mehr als 400 000 Deutsche zu, in den Playoffs fast dreimal so viele. Am Anfang hat sich Dommisch gefragt, ob es diese vielen Zuschauer wirklich gibt – inzwischen trifft er sie sogar in der Kaffeerösterei.
An einem Donnerstag, zehn Tage vor dem 53. Super Bowl, steht Dommisch, 32, vor seinem Schreibtisch in der Sportredaktion von ProSiebenSat.1, so, wie man ihn aus dem Fernsehen kennt: lange, blonde Haare, Hoodie, Air-Max-Schuhe. Auf seinem Schreibtisch steht ein Paket, das ihm ein Zuschauer geschickt hat. Nur steht darauf nicht sein Name, sondern „Icke“ – so haben ihn die deutschen Footballfans getauft, weil er, der gebürtige Berliner, statt Ich eben Icke sagt. In der Redaktion kommen viele Pakete für Icke an. Eine Frau hat ihm neulich ein Kissen bestickt mit dem Gesicht von Aaron Rodgers, dem Quarterback der Green Bay Packers, den Dommisch cool findet. Warum aber beschenken die Zuschauer ihn, den Sportreporter? „Wir sprechen die Leute auf eine Art und Weise an, die sie sehr berührt“, sagt Dommisch. So ist das mit dem Football in Deutschland: Diejenigen, die ihn im Fernsehen präsentieren, sind bekannter als diejenigen, die ihn auf den Sportplätzen spielen.
Vor mehr als vier Jahren nun hat die Mediengruppe ProSiebenSat.1 sich dazu entschlossen, von September bis Januar mit der Sendung „ranNFL“ jeden Sonntag zwei Spiele der NFL-Hauptrunde zu übertragen – und irgendwie haben sie dadurch den Footballsport in Deutschland verändert. Als Beweis muss man nur auf Dommischs Schreibtisch schielen. Doch was sieht man eigentlich, wenn man in die Vereine schaut? Hat ihnen der Football-Hype gut getan? Und falls ja: Ist er nachhaltig?
Man kann Werner L. Maier fragen. Einen Mann, der 1981, als man American Football noch mit Rugby verwechselte, schon in den Englischen Garten gegangen ist, sich unter einem Baum umgezogen und zwischen Maulwurfshügeln, Nackerten und Pferdemist trainiert hat. Seit 2006 ist Maier, 53, Präsident der Munich Cowboys, einem Verein, der in der ersten deutschen Liga spielt. Er sagt: „Wir kämpfen jedes Jahr.“
In letzter Zeit aber läuft es ganz gut. Der Präsident sieht, wie sich immer mehr Neulinge ins Footballtraining trauen, wie immer mehr Fans zu den Heimspielen ins Dantestadion kommen, in der Vorsaison fast 2000 pro Spiel. Das gilt nicht nur in München. In der Rangliste der deutschen Sportverbände schneiden die Footballer mit 63 060 Mitgliedern auf Rang 33 ab, hinter den Ringern, vor den Sporttauchern. Doch der Trend macht Mut: Seit 2008 hat sich ihre Zahl verdoppelt – und wieder mal hat das wohl mit dem Einfluss aus den USA zu tun.
Das Schicksal des deutschen Football war stets mit dessen Erfindern verbandelt. Es waren amerikanische Soldaten, die den Sport in Deutschland etablierten. Es waren später amerikanische Geschäftsleute, die versuchten, ihn auf Profi-Niveau zu heben. Und es sind heute amerikanische Trainer und Spieler, die ihn prägen. In Deutschland aber sind sie bisher alle an ihre Grenzen gestoßen. Die Geschäftsmänner, weil sie mit ihrer importierten Retorten-Liga, der NFL Europa (1991 bis 2007), nie den (finanziellen) Zuspruch erhielten, den sie sich erhofft hatten. Das erleben auch die Trainer und Spieler heute. Nur ein Beispiel: Frankfurt Universe, der Vizemeister, musste Insolvenz anmelden – mit 1,5 Millionen Euro Schulden.
Die NFL, das sollte man wissen, ist zwar eine Liga, vor allem aber ein Konzern, der den deutschen Markt stets als große Geldquelle gesehen hat. Als sie ab den 90er-Jahren die NFL Europe einführte, verknüpfte sie das mit einer großen Kampagne. Sie besuchte Schulen, bildete Lehrer aus, kaufte Materialien ein. „Sie hat Football an junge Leute herangebracht“, sagt Werner Maier. „Mit sehr viel Einsatz und sehr viel Geld.“ Als das scheiterte, hat die NFL einen neuen Weg gesucht, auf den Markt zu drängen: dieses Mal mit dem Fernsehen.
Vor ihren Bildschirmen haben die Deutschen schließlich einen Zugang zum Football gefunden, den ihnen das Erlebnis auf dem Sportplatz nie ermöglicht hat. In drei Zeitlupen konnten sie plötzlich bestaunen, wie der Ball über die Fingerspitzen eines Spielers rutscht. Und mit jeder Zeitlupen konnten sie den komplizierten Sport auch besser verstehen. Christoph Dommisch sagt: „Man ist so nah dran, obwohl man so weit weg ist.“
Es gibt aber noch eine andere Nähe, die Football populär gemacht hat, die nichts mit den Hochglanzbildern aus den USA zu tun hat, sondern mit jener Art und Weise, wie sie ProSiebenSat.1 seit vier Jahren verkauft. Sie binden die Zuschauer via Facebook, Twitter und Instagram in den Pausen stets in ihre Sendung ein, zeigen ihre Bilder, beantworten ihre Fragen, lesen sogar ihre Witze vor. Sie setzen auf eine neue Sprache, auf Sport-entertainment – und haben damit gerade den Deutschen Fernsehpreis gewonnen.
Man muss das nicht gut finden. Werner Maier etwa, dem Präsidenten der Cowboys, gefällt die große Selbstinszenierung nicht. Diesen Eindruck teilen viele. Doch Maier gibt gerne zu: „Es ist in den letzten Jahren etwas passiert, was sicherlich mit den Übertragungen zusammenhängt.“
Das Spektakel der NFL, sagt er, habe einen Hype angestoßen, der den deutschen Clubs langfristig aber auch schaden könnte. Man könne den neuen Erwartungen nicht gerecht werden, fürchtet er – denn: „Wenn ich mit einem, der noch nie ein Steak gegessen hat, zum Edel-Steakhouse gehe und ein japanisches Wagyu Beef für 800 Euro bestelle, am nächsten Tag aber zur Currywurst-Bude, wird ihm das nicht mehr schmecken.“