München – Auch 20 Jahre danach hat Niko Kovac eine prächtige Meinung von Bayer Leverkusen. Selbst in einer so schnelllebigen Branche wie dem Profifußball gibt es am rechten Rheinufer „viele“ Leute, mit denen er sich schon damals gut verstand und „die noch heute dort arbeiten“. Das ist der Vorteil, wenn man ein Kind der Bundesliga ist, wie es immer so schön heißt, und ein bisschen herumgekommen ist: „Egal, wo man hinkommt, sind ehemalige Clubs.“ Der Nachteil an Bayer Leverkusen ist allerdings, dass der Trainer des FC Bayern nicht nur in menschlicher Hinsicht voll des Lobes ist. Aus triftigem Grund und ohne Übertreibung nennt er Bayer einen „sehr, sehr guten Gegner“.
Orientiert man sich ausschließlich an der Statistik, haben Kovac, der 1996 unterm Bayer-Kreuz zum Bundesligaprofi reifte, und die Bayern am Samstag (15.30 Uhr) in Leverkusen keine Chance. Alle drei Spiele als Trainer von Eintracht Frankfurt endeten mit krachenden Niederlagen (0:3, 0:3, 1:4). Im wirklichen Leben sehen die Dinge etwas anders aus, allein schon, weil der Bayern-Kader geringfügig stärker besetzt ist als der der Hessen. Aber es stimmt: Die Leverkusener, die in der Hinrunde unter Heiko Herrlich phasenweise grotesk hinter ihren hohen Ansprüchen und dem reichlich vorhandenen Potenzial zurückblieben, sind pünktlich zum Gastspiel des Rekordmeisters in Schwung gekommen.
Schon zum Rückrundenauftakt gegen Mönchengladbach (0:1) habe Bayer „nicht verlieren müssen, eigentlich auch nicht dürfen“, erinnert Kovac. Eine Woche später in Wolfsburg (3:0) war die Werkself dann klar überlegen. Unter Peter Bosz, Herrlichs Nachfolger auf der Bank, bringe die Mannschaft „einige PS“ mehr auf den Platz, „mit richtig gutem Zug, viel Kompaktheit, gutem Offensivpressing“. Als Gegner müsse man da „bei Ballverlust Obacht geben. Da geht die Post ab, da schwärmen sie aus wie eine Horde von Hummeln.“ Allein in den zwei letzten Partien kam die entfesselte Offensive auf die sagenhafte Zahl von 44 Torschüssen.
Es dürfte eine tückische Aufgabe für die Bayern werden. Und das umso mehr, weil sie sich in einer Phase befinden, wo jeder Fehler einschneidende Bedeutung haben kann. Joshua Kimmichs Einschätzung, „wenn wir noch mal Punkte liegen lassen, ist es so gut wie vorbei“ hat gerade jetzt programmatischen Charakter. Schalke 04, der nächste Gegner in der Liga, gehört trotz einer vergleichbar missratenen Vorrunde wie Bayer Leverkusen zu den anspruchsvolleren Gegnern, und dazwischen liegt noch das Pokalspiel bei der heimstarken Berliner Hertha, einem weiteren Ex-Club von Kovac, der schon in der Liga die Rückkehr in seine Geburtsstadt aufgrund einer 0:2-Niederlage nicht wirklich genießen konnte.
„In dieser Woche müssen wir Siege einfahren“, fordert der Trainer. In der Öffentlichkeit ist zuletzt überwiegend über das Champions League-Hinspiel in Liverpool am 19. Februar gesprochen worden, doch bis es so weit ist, könnten bereits ganz andere Weichen gestellt sein. Die zwei Spitzenteams der Bundesliga haben Aufgaben vor sich, bei denen sie nicht zwingend von Siegen ausgehen können. Der BVB ist am Samstag in Frankfurt zu Gast, eine Woche später empfängt er Hoffenheim. Vielleicht herrscht schon in einer Woche an der Spitze wieder dichteres Gedränge. Genauso wenig auszuschließen ist allerdings, dass sich die Verhältnisse bis dahin ein Stückchen mehr geklärt haben.
Vielleicht bleibt aber auch alles, wie es ist. „Je weniger Spiele es sind, desto mehr sieht man das Bild. Keine Silhouetten mehr“, sagt dazu Kovac. Beide Parteien, Bayern und Dortmund, hatten zuletzt ein schweres Auswärts- und ein leichteres Heimspiel. Jetzt geht es im Gleichschritt weiter. Weil er so weit herumgekommen ist, schickt der Trainer schöne Grüße an seinen letzten Arbeitgeber: „Meine Frankfurter wissen, was sie zu tun haben.“