Are – Die Sonnenbrille mit den verspiegelten Gläsern hätte Viktoria Rebensburg eigentlich in der Tasche lassen können. Denn der Himmel über dem Skistadion in Are war mittlerweile von Wolken bedeckt. Aber die deutsche Skirennläuferin versuchte ja auch gar nicht, sich vor grellem Licht zu schützen, sondern vor den Blicken in ihre Augen. Sie kämpfte mit den Tränen, wieder einmal nicht vor Freude, sondern vor Ärger. Um zwei Hundertstelsekunden verpasste sie gestern eine Medaille im Super-G zum Auftakt der alpinen Ski-WM, um sieben Hundertstel Gold und landete auf jenem Platz, der bei Großereignissen als der unglücklichste gilt: dem vierten. „Brutal eng, aber so ist unser Sport“, sagte sie später, als sie vergeblich versuchte, ihre Enttäuschung in Worte zu fassen.
Im Ziel hatte die 29 Jahre alte Kreutherin mit den beiden Händen auf den Helm geschlagen. Sie rang um Fassung, während ein paar Meter weiter Mikaela Shiffrin auf dem beheizten Stuhl der Führenden tief durchgeatmet hatte. Es war das letzte Mal in diesem Wettkampf, dass die Amerikanerin um ihren Sieg bangen musste. Auch Sofia Goggia aus Italien als Zweite und vor allem die Schweizerin Corinne Suter, überraschend Dritte, dürften den Lauf der Deutschen mit etwas bangem Blick verfolgt haben.
In der zweiten Hälfte des Rennens war Rebensburg immer schneller geworden, und am Ende gab eben nur eine Winzigkeit den Ausschlag. Die 0,07 Sekunden, die ihr auf Shiffrin fehlten, waren der kleinste Rückstand, mit der je ein Skisportler bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen in der Disziplin Super-G leer ausging. Ein derart knapper Abstand hätte in 40 der bislang 49 Rennen, die seit 1987 bei einer WM oder Olympia ausgefahren wurden, sogar zur Silbermedaille gereicht.
Rebensburg landete bereits zum dritten Mal bei einem Großereignis auf diesem ersten Platz hinter den Siegerpodest. Im vergangenen Jahr bei den Olympischen Spielen im Riesenslalom war sie ebenso Vierte geworden wie bei der WM 2017 in St. Moritz im Super-G, beide Male war sie aber deutlich weiter entfernt von einer Medaille als in Schweden. „Bitter“, sagte sie mit etwas zittriger Stimme. Große Gedanken, ob ein Fehler im oberen Teil vielleicht die Medaille gekostet hatte, wollte sie sich nicht machen. Die fehlenden Hundertstel würde man „immer finden, aber das bringt ja nichts“.
Zumal auch die Beste nicht ohne kleines Missgeschick die wegen starken Windes verkürzte Strecke bewältigt hatte. Shiffrin wusste, dass sie etwas Glück bei ihrem im Alter von 23 Jahren bereits vierten WM-Titel hatte. Rebensburg habe eine „schreckliche Sicht“ gehabt, gab sie zu. „Wenn sie zu dem Zeitpunkt gefahren wäre wie ich, hätten wir vielleicht eine andere Führende.“ Ihren Start in der Kombination sagte Shiffrin am Abend ab.
Kurz vor Rebensburg war Lindsey Vonn gestartet und vor der zweiten Zwischenzeit wieder einmal im Fangzaun gelandet. Es dauerte minutenlang, bis sich die Amerikanerin hochrappelte, dann noch einmal eine Weile, bis sie entschied, sich nicht vom bereit gestellten Akia nach unten bringen zu lassen, sondern selbst auf Skiern ins Ziel zu fahren. Vonn tat dies auch nicht abseits der Strecke wie eigentlich in so einem Fall üblich, sondern schwang auf dem Rennkurs locker ins Tal. Dass sich in der Zwischenzeit Wolken vor die Sonne geschoben hatten und die nach ihr startenden Läuferinnen deshalb eine schlechtere Sicht haben würden, war Vonn in diesem Fall offenbar egal. Sie wollte eben bei ihrer Abschiedstour in Are noch einmal den Applaus der Zuschauer genießen und die volle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ein paar Minuten ist ihr dies gelungen.
Viktoria Rebensburg wollte ihr Hundertstel-Pech nicht auf die Unterbrechung und die dann schlechteren Bedingungen schieben. Die Sicht sei okay gewesen, sagte sie: „Ich habe mich nicht groß drausbringen lassen.“ Es war ihr bestes Resultat seit dem dritten Platz zu Saisonbeginn in Lake Louise in dieser Disziplin, die ihr zuletzt ein paar Probleme bereitet hatte. Aber rechtzeitig zum Großereignis bekam sie die in den Griff – und strafte gleichzeitig Maria Höfl-Riesch Lügen. Ihre frühere Mannschaftskollegin hatte ihr in einem Interview vorgeworfen, manchmal nicht gierig genug zu sein und in den schnellen Disziplinen Abfahrt und Super-G ihr Potential oft nicht auszuschöpfen. Gestern tat dies Rebensburg auf alle Fälle. Sie habe sich nichts vorzuwerfen, sagte die Olympiasiegerin von 2010: „Ich habe wirklich alles gegeben.“ Aber das war in diesem Fall eben einen Hauch zu wenig.