Rettung in Minute 98

von Redaktion

In der Verlängerung erst zieht der FC Bayern ins Pokal-Viertelfinale ein

VON CHRISTOPHER MELTZER

Berlin/München – Als seine Fußballer sich noch aufwärmten, hat Niko Kovac sich im Berliner Olympiastadion vor eine ARD-Kamera gestellt und folgenden Satz gesagt: „Wir sind zu Hause.“ Er bezog das auf sich selbst, der 1971 in Berlin geboren worden ist, er bezog es auch auf sein Trainerteam, das in den vergangenen beiden Jahren mit Frankfurt am DFB-Pokalfinale dort teilnehmen durfte – und natürlich hat er das auch auf seinen neuen Verein bezogen, den FC Bayern, der den Pokal in diesem Stadion seit 2000 neunmal gewonnen hat.

Am Mittwochabend wären Kovac und seine Bayern dann fast unsanft und für den Rest der Saison aus dem Zuhause verscheucht worden. In der Verlängerung erst retteten sie sich im Achtelfinale des DFB-Pokals gegen den Ligarivalen Hertha BSC, siegten 3:2 und dürfen nun weiter hoffen, für das Finale zurückzukehren.

Es ist noch gar nicht so lange her, da haben die Bayern schon einmal in Berlin verloren. Am 22. September, in der Bundesliga, 0:2. Es war eines jener Spiele, die offenbarten, dass der FC Bayern in der Saison 2018/19 zumindest sportlich wieder ein recht gewöhnlicher Club mit gewöhnlichen Problemen geworden ist. Dieser Eindruck hat sich bis zum Pokalabend im Olympiastadion verfestigt. Wer gemein sein wollte, hat vor dem Spiel darauf hingewiesen, dass der Pokal für den FC Bayern die letzte realistische Option auf einen Titel verspricht, weil in der Liga der Rückstand und in der Champions League die Konkurrenz zu groß sei. Das setzte die Bayern unter Druck, schüchterte die Hertha aber nicht ein. Am Sonntag erst hatte Pal Dardai, ihr Trainer, selbstbewusst erklärt: „Wir haben eine sehr gute Kondition. Ich erwarte gegen Bayern 120 Minuten und Elfmeterschießen.“ Wann bitte hat sich das in den vergangenen Jahren ein Bundesligatrainer mit solcher Gewissheit zu sagen getraut?

Am Mittwochabend musste Dardai dann aber nicht einmal drei Minuten warten, bis er sich ein bisschen bestätigt fühlen durfte. Rune Jarstein, sein Torhüter, schoss den Ball einfach hoch in die Spielhälfte der Bayern, wo gleich zwei Verteidiger zu spät zum Zweikampf kamen: Erst Niklas Süle, dann Mats Hummels. Das hat man zuletzt häufiger gesehen. Es war aber auch sehr ansehnlich, wie der junge Maximilian Mittelstädt den Ball danach mit einem strammen Flachschuss im Tor versenkte.

Im Tor, ganz hinten also, fangen die Defensivprobleme der Bayern an, die Niko Kovac in diesen Tagen besonders beschäftigen. Er musste in Berlin wie erwartet auf Manuel Neuer verzichten, dessen Finger die Ärzten sehr genau im Blick haben und offensichtlich nicht als wettkampftauglich einstuften. Anders als noch beim 1:3 in Leverkusen musste man sich beim ersten Gegentor in Berlin aber gar nicht erst fragen, ob Neuer den vielleicht gehabt hätte. Sven Ulreich, sein Vertreter, war machtlos. In diesem Moment diskutierte Kovac übrigens heftig mit dem Vierten Offiziellen. Vor dem Gegentor nämlich war Leon Goretzka im Berliner Strafraum zu Boden gefallen und dafür mit Gelb (Schwalbe) bestraft worden – obwohl in der Zeitlupe zu erkennen war, dass Hertha-Verteidiger Karim Rekik ihn am Fuß getroffen hatte. So ist das aber im DFB-Pokal: Einen Videoassistenten gibt es nicht.

Danach jedoch musste sich Kovac erst einmal nicht ärgern, sondern durfte sich an zwei seiner Angreifer erfreuen: Zweimal legte James Rodriguez den Ball fein auf, zweimal schoss ihn Serge Gnabry fest ins Tor (7., 49.). Und in jenen Szenen, die nicht in einem Tor endeten, dürfte ihm bestimmt auch Thiago – der Thomas Müller aus der Startelf verdrängte – aufgefallen sein, der das Spiel lenkte.

Nur zeigte sich in der 67. Minute, als die Bayern eigentlich schon auf das Viertelfinale zusteuerten, wie anfällig ihre Abwehr gerade ist. Es war Hummels, der Nationalspieler, der den Ball mit einer fürchterlich verpatzten Rückgabe vor die Füße von Daviel Selke köpfelte, der mühelos einschob. Verlängerung also, der erste Teil von Dardais mutiger Prognose traf ein.

Seine Berliner rannten viel, verteidigten tapfer, doch der zweite Teil seiner Vorhersage blieb trotzdem aus: In der 98. Minute ließen sie sich einmal überrumpeln: von Kimmich, der den Ball flankte, von Goretzka, der ihn köpfte, von Lewandowski, der ihn über Jarstein hob und letztlich von Coman, der ihn mit dem Kopfs ins Tor drückte.

Artikel 3 von 11