Berlin/München – Als er seinen Fehler bemerkte, rannte Mats Hummels sofort los, aber natürlich war es zu spät. Er musste aus der ersten Reihe mitansehen, wie der Ball, den er gerade geköpft hatte, furchtbar langsam auf Sven Ulreich zuhoppelte, wie der Berliner Davie Selke ihn sich schnappte und dann auch ins Tor schoss, wie die Hertha an diesem Pokalabend im Olympiastadion ein Fußballspiel ausgleichen konnte, das eigentlich nicht ausgeglichen war. Die TV-Kameras zoomten auf Hummels – und sie fingen in dieser 67. Minute, in der das 2:2 fiel, ein, wie er seine Finger zur Faust formte und sie gegen den eigenen Kopf klopfte. Als wollte er sich schon mal selbst bestrafen.
Am Tag danach beschäftigte sich Hummels, der Verteidiger des FC Bayern, noch immer mit dem Fehler. Auf seinem Instagram-Kanal veröffentliche er ein Foto, das ihn beim Spiel in Berlin zeigt, wie er die Arme beruhigend zur Seite streckt, als habe er alles unter Kontrolle. Er fügte noch einen Text hinzu: „Ganz ruhig, ich sehe den Selke schon. Oder auch nicht . . .“ So viel Selbstironie kommt an – und doch hat sie sich Hummels wohl nur geleistet, weil seine Bayern sich mit einem Tor in der Verlängerung für das Viertelfinale des DFB-Pokals qualifizierten (das am Sonntag ausgelost wird). Sie dürfen weiter mitmischen in dem Wettbewerb, der ihnen nun die realistischste Option auf einen Titel verspricht. Es passt jedoch zu ihrer Saison, dass sie mit einem 3:2-Sieg überlebten, der die Zweifel bestärkte.
Nun versuchten die Hauptdarsteller aus München noch in Berlin, die Fortschritte hervorzuheben. Sie verwiesen auf die eigene Ballbesitzquote (74 Prozent), auf die Passgenauigkeit (91 Prozent). Hummels fragte die Reporter dann sogar: „Gab es einen Torschuss außer den beiden Toren?“ In 120 Minuten waren es in der Tat nur vier – die Gegentore einberechnet. Es stimmt also, wenn Hummels sagt: „Wir haben heute ganz, ganz wenig zugelassen.“ Nur sollte man in dieser Aufzählung hübscher Zahlen die wesentliche Statistik nicht vergessen: Sieben Tore haben die Bayern in den ersten vier Spielen des Jahres kassiert. Wie kann das sein?
Es war Niko Kovac, der Bayern-Trainer, der das zu erklären versuchte. „Wir machen zu viele billige Fehler“, sagte er. Vor dem 0:1 etwa kamen gleich zwei Verteidiger zu spät in den Zweikampf: Erst Süle, dann Hummels, der unfreiwillig noch das 2:2 auflegte. „Das passiert“, sagte Kovac über seinen Nationalverteidiger. Nur passiert ihm das in diesen Tagen ziemlich oft. Schon in Leverkusen rückte Hummels vor dem 1:2 und dem 1:3 zu früh aus der Viererkette heraus. Es scheint, als haben die billigen Fehler beim FC Bayern gerade System.
Es waren die Angreifer, die ihre Verteidiger in Berlin retteten. James Rodgriguez legte zweimal fein auf, Serge Gnabry schoss zweimal fest ins Tor, in der Verlängerung traf Coman. Es war vor allem aber Thiago, der in die Startelf zurückkehrte und das Spiel klug lenkte, manchmal öffnete er Räume mit nur kleinen Körpertäuschungen. Man kann das natürlich auch so sehen: Die Bayern haben in diesem Jahr zwar sieben Tore kassiert, aber auch elf erzielt.
Darauf will sich Niko Kovac aber nicht verlassen. „Wenn wir etwas erreichen wollen im Pokal, Liga oder Champions League, dürfen wir solche einfachen Tore nicht herschenken“, sagte er. Er weiß genau, was ihn bald erwartet. In knapp zwei Wochen schon schießt nicht mehr Davie Selke auf das Tor, sondern Sadio Mané oder Mohamed Salah, die Stürmer des FC Liverpool.
In vier Spielen hat Bayern 2019 sieben Gegentore kassiert