Are – Oben in Björnen geht es gewöhnlich gesittet zu. In dem kleinen Ortsteil von Are wohnen vor allem Skitouristen, aber am Samstagabend zog das Partypublikum hinauf, um in der Copperhill Mountain Lodge eine norwegische Erfolgsgeschichte zu feiern und einen der ganz Großen des Skisports zu verabschieden.
Mehr als hundert Leute, darunter Kronprinz Hakoon mit seiner Frau Mette-Marit, warteten auf Kjetil Jansrud und Aksel Lund Svindal, die nach der Siegerehrung noch ein paar Pflichttermine zu absolvieren hatten. Als der neue Abfahrtsweltmeister mit dem Silbermedaillengewinner in Björnen ankam sprangen sie mit einem Glas in der Hand erst einmal auf einen Tisch, prosteten sich immer wieder zu und setzten zu einer zehnminütigen gemeinsamen Dankesrede an, gerichtet an jeweils den anderen, an die Fans und an die Mannschaft. „Es wird nie mehr so schön sein, wie hier und jetzt“, sagte Svindal an seinem letzten Tag als Skirennläufer.
Als er sich gut sechs Stunden zuvor zum letzten Mal aus dem Starthaus katapultierte, zum letzten Mal alles aus sich als Skirennläufer herausholte, brandete unten im Zielstadion frenetischer Jubel auf. Are war an diesem Samstag fest in norwegischer Hand. Svindal blendete aus, dass die Sicht wegen des Schneefalls nicht besonders gut war, er haderte nicht damit, dass das Rennen überhaupt gestartet worden war und beklagte auch nicht die schwierigen Bedingungen, wie unter anderem die Deutschen, die am Ende weit abgeschlagen endeten (Dominik Schwaiger/25., Josef Ferstl/28., Manuel Schmid 32.). Es führte zu diesem Zeitpunkt Jansrud – etwas überraschend, weil der keine besonders gute Abfahrtssaison im Weltcup hinter sich hatte, als bestes Resultat steht bisher ein 13. Platz zu Buche, und nach einer Handoperation vor zwei Wochen noch leicht gehandicapt ist.
Svindal war zunächst schneller als der Mannschaftskollege unterwegs, aber im Ziel fehlten zwei Hundertstelsekunden, eine Winzigkeit. Doch der 36-Jährige war nicht enttäuscht, im Gegenteil. „Ich habe es einfach genossen“, sagte er. Auch am Ende seiner großen Karriere gönnte er den Erfolg jenem, der ein bisschen schneller war und ärgerte sich keine Sekunde, dass ausgerechnet Jansrud, sein langjähriger Weggefährte und Kumpel einen goldenen Abschluss verhinderte. „Es ist ein großartiger Tag und ich bin sehr dankbar, dass ich ein Skirennläufer sein durfte“, sagt er. Jansrud sprach von einem „Märchen“, beim letzten gemeinsamen Rennen zusammen auf dem Podium stehen zu dürfen. Im Zielraum lagen sich die beiden in den Armen, und später bei der Siegerehrung auf dem Dorfplatz sangen sie gemeinsam inbrünstig die Nationalhymne – begleitet von all den Fans aus der Heimat, die noch im WM-Ort geblieben sind und für einen sehr stimmungsvollen Chor sorgten. „Es war extrem schön zu erleben, dass Are heute norwegisch ist“, sagte Jansrud.
Er hatte kein Problem damit, dass sich an diesem Samstag mehr um den Zweiten als um ihn drehte. Jansrud rückte nach dem ersten WM-Titel seiner Karriere ebenfalls Svindal in den Mittelpunkt. Er wolle zuerst Aksel danken, begann er seinen Teil der Rede, „für all die Erinnerungen mit dir“. Svindal gab zu, es sei nicht leicht aufzuhören, „wenn es gut läuft. Aber wenn es leicht wäre, hätten die vergangenen 16 Jahre nichts bedeutet.“
Als er neben Jansrud auf dem großen Tisch in der Copperhill Mountain Lodge stand, erinnerte er sich an den Tag vor 20 Jahren, als sich die beiden zum ersten Mal begegnet waren. In der Sportschule in Aurdal erschien damals „ein dünner Kerl mit einer großen Tasche“. Es war allerdings kein Zimmer mehr frei für den Neuzugang, weshalb eine Weile hilflos dagestanden sei, erzählt Jansrud. „Dann sagte von der Seite jemand: ,Weißt du was, du kannst bei uns wohnen.´ Es war Aksel“.
Diese Episode hat Jansrud geprägt und sein Verhältnis zu Svindal. „Wenn es etwas gibt, was unseren Mannschaftsgeist definiert, wenn Leute wissen wollen, was Aksel ausmacht, dann ist es diese Geschichte“, sagt Jansrud. Er übernimmt nun die Führungsrolle in der Mannschaft von Svindal, wie auch die norwegische Zeitung „Aftenposten“ schrieb: „Der König ist abgetreten, es lebe der neue König.“