1. FC Nürnberg im Chaos

Das große Vakuum

von Redaktion

MARC BEYER

Vor der Saison wäre das kein so unrealistisches Szenario gewesen: Der 1. FC Nürnberg gewinnt zu Saisonbeginn ein, zwei Spiele, hält sich knapp oberhalb der Abstiegsränge, büßt im Laufe des Herbstes seinen Schwung ein, verliert mal 0:6, auch 0:7, kommt einem Sieg nicht mal mehr nahe und landet irgendwann im Laufe des Winters ganz unten. Wenn man die aktuelle Lage des 1. FC Nürnberg positiv beschreiben möchte, dann so: Der Club ist den Erwartungen bisher vollauf gerecht geworden.

Die Nürnberger haben in der Fußballgemeinde die unterschiedlichsten Emotionen geweckt. Ihre Leistungen auf dem Platz sorgten anfangs für Erstaunen, später für Belustigung und Mitleid. Die branchenuntypische Weigerung, den Trainer als Alleinverantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, brachte ihnen aber selbst da noch Respekt ein. Zurecht. Dass der Club mit einem äußerst sparsam verbesserten Zweitligakader nicht das Oberhaus stürmen würde, war von Anfang an klar.

Michael Köllner hat vergangene Saison Enormes vollbracht, als er eine Mannschaft zum Aufstieg führte, deren Kader nicht zwangsläufig zu großen Hoffnungen berechtigte. Auch in der Bundesliga hat er sich gut präsentiert, doch am Ende hatte er dem Trend nicht mehr viel entgegenzusetzen außer Kritik an den Schiedsrichtern. Den ganzen Club umgab zuletzt bleischwere Tristesse.

Paradoxerweise ist die Lage der Nürnberger ebenso niederschmetternd wie aussichtsreich. Sie haben einen Kader, der nur in sehr begrenztem Umfang Erstliga-Maßstäben genügt und im Winter einzig mit dem in Kasachstan gestrandeten früheren Bundesligastürmer Ivo Ilicevic verstärkt wurde. In einer Phase, wo Abstiegskandidaten noch mal alle Kräfte mobilisieren, taten die Nürnberger wenig bis nichts.

Gleichzeitig ist der 16. Platz nur drei Punkte entfernt. Der Club mag personell unterlegen sein und die Chance zur Erneuerung in der Winterpause verpasst haben. Aber viel geschickter ist in Hannover oder Stuttgart auch nicht gearbeitet worden. Einer aus dem Trio wird die Chance haben, sich über die Relegation zu retten. Hannover hat gerade den Trainer gewechselt und – gegen Nürnberg – den ersten Sieg eingefahren, der VfB neigt traditionell zum Rückrunden-Aufschwung und macht nun Thomas Hitzlsperger zum starken Mann. An beiden Standorten gibt es eine Idee, immerhin. Beim Club gibt es nur ein großes Vakuum.

marc.beyer@ovb.net

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