Die unsichtbare Größe

von Redaktion

Vergangene Saison brillierte Sven Ulreich über Monate als Vertreter Manuel Neuers. Nach dessen Genesung verschwand er wieder in der Versenkung. Dass seine aktuelle Rolle als Nummer eins bald wieder beendet sein wird, quittiert er mit einem Gleichmut, der so beeindruckt wie seine Paraden.

VON MARC BEYER

München – Die Hand, um die es geht, steckte tief in der Jackentasche. Es handelte sich um eine Daunenjacke, was zu dieser Jahreszeit nicht so ungewöhnlich ist, aber für Freunde einer gepflegten Spekulation gewisse Vorteile hatte. In so einer dick gefütterten Tasche kann theoretisch alles stecken, ein mächtiger Verband oder sogar ein Gips. Wie also, fragten sich die Beobachter am Samstag in der Münchner Arena, geht es Manuel Neuer wirklich?

Der Patient selber lächelte am Wochenende nur höflich und verließ schweigend das Stadion. Zurück blieben viele offene Fragen und wenige, die sie beantworten wollten. Hasan Salihamidzic, beim FC Bayern eigentlich der zuständige Mann, war zu sehr damit ausgelastet, sich an Dietmar Hamann abzuarbeiten, um noch etwas Erhellendes zum Torwart und seiner mysteriösen Handverletzung beizusteuern. „Alles wie gehabt“ war alles, was dem Sportdirektor zu Neuer einfiel.

Für Hobbydetektive und Verschwörungstheoretiker sind es gerade herrliche Zeiten. Als die geheimnisvolle Blessur noch ganz frisch war, legte die PR-Strategie der Bayern den Schluss nahe, den Weltmeister habe gerade ein schlimmes Unglück ereilt. Inzwischen klingt alles nicht mehr so dramatisch, aber einige zentrale Fragen sind noch immer nicht hinreichend beantwortet: Was hat Neuer genau? Wie ist es passiert? Wie lange dauert sowas? Und wieso spricht darüber niemand?

Zum Glück haben die Bayern mit Sven Ulreich einen zweiten Torhüter, der nicht nur sein Handwerk glänzend versteht, sondern auch ein offener, verbindlicher Gesprächspartner ist. Es war Ulreich, der bereits am Tag nach Neuers Ausfall dem Thema die ganz große Dramatik nahm und eine baldige Rückkehr des Kapitäns ankündigte. Und auch am Samstagabend, als Neuer und seine Daunenjacke gerade weg waren, sorgte der Stellvertreter für Klarheit. In der Tasche stecke kein Gips, sondern ein fast gesunder Daumen: „Ich gehe davon aus, dass Manu gegen Augsburg spielen kann.“

So einen Satz sagt Ulreich entspannt und gleichmütig, ohne hörbaren Hader, obwohl sich seine persönliche Situation in wenigen Tagen wieder empfindlich eintrüben dürfte. Der selbe Ulreich, der Neuer vor einem Jahr fast eine ganze Saison lang fulminant vertrat, wird nun bald wieder degradiert werden zur unsichtbaren Größe. Kein Bayern-Spieler, nicht mal Sandro Wagner, war in der Hinrunde so sehr Zuschauer wie Ulreich. Bis Anfang Februar und der Partie in Leverkusen kam er auf null Einsatzminuten.

Die Konsequenz, mit der Niko Kovac seinem zweiten Torwart ein halbes Jahr lang jeden noch so kurzen Einsatz verwehrte, mutete nach dieser Vorgeschichte, den Leistungen des letzten Jahres und der Vertragsverlängerung im Frühjahr, seltsam an. Für Sentimentalitäten aber ist in diesem Geschäft kein Platz, und Neuer über viele Einsätze zurück zu alter Premiumform zu führen, hatte für Kovac nun mal Priorität.

Ulreich weiß das, und sein Verhalten legt nahe, dass er die Motive sogar nachvollziehen kann, obwohl sie zu seinen Lasten gehen. Ihm war immer klar, worauf er sich eingelassen hat. Der Mann hinter Neuer zu sein, bedeutet, sein Können nur sehr dosiert zeigen zu dürfen. So wie am Samstag gegen Schalke, wo er die wenigen Prüfungen ohne Tadel bewältigte. „Es macht wieder Spaß“, stellte er anschließend fest. Das dürfte auch daran liegen, dass er mit der Spielpraxis aus den vorangegangenen zwei Partien nach eigenem Befinden „wieder reingekommen“ war in jenen Zustand, wo nicht nur der Rhythmus zurück ist, sondern auch das Gefühl für Räume und komplexe Spielsituationen.

Viel helfen wird ihm das nicht. In sechs Tagen steht das Spiel in Liverpool an, dem die Bayern seit Monaten entgegenfiebern. Dann werden sie wieder auf Neuer bauen, und es wird keinen Einfluss haben, dass dem gerade die Matchpraxis etwas abhanden gekommen ist. Gesund sollte er auf jeden Fall wieder sein. Am Samstag berichtete Ulreich, „der Manu“ habe ihm „signalisiert, dass es nur noch eine Frage von Tagen ist“ bis zur völligen Fitness. Drei Tage später ließ die allerdings immer noch auf sich warten. Auch gestern bestritt Manuel Neuer noch kein Torwarttraining.

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