Are – Als die letzte Herausforderung erledigt war, sank Mikaela Shiffrin in den Schnee. Fast eine Minute lag sie regungslos da. Keine Spur von Freude darüber, mit Bestzeit ins Ziel des WM-Slaloms gekommen zu sein und zumindest eine Medaille sicher zu haben, ihre dritte bei diesen Titelkämpfen in Are. Die Skirennläuferin aus den USA lag noch immer da, als oben bereits Anna Svenn-Larsson startete, die den Schweden endlich das erste Edelmetall bescheren sollte. Das Skistadion bebte, und unten versuchte Shiffrin, wieder zu Kräften zu kommen. Sie rappelte sich auf, sah wie Svenn-Larsson hinter ihr blieb und trotzdem jubelte. Sie sah, wie die Führende nach dem ersten Durchgang, Wendy Holdener aus der Schweiz, ins Straucheln geriet und zurückfiel. Shiffrin war am Ende Slalom-Weltmeisterin, wie 2013, 2015 und 2017. Als erste Athletin gewann sie am Samstag den Titel zum vierten Mal.
Aber noch immer schien sie keine Kraft zu haben, diesen Triumph angemessen ausgelassen zu feiern. Dafür flossen Tränen. Das kenne sie ja, aber „ich habe heute mehr als sonst geweint. Ich weiß auch nicht, warum“, sagte Shiffrin später – und tupfte sich mit einem Taschentuch Feuchtigkeit aus Augen.
Es schien so, als wolle sie ihrer gerade zurückgetretenen Landsfrau Lindsey Vonn nacheifern. Zumal sie am Ende der Pressekonferenz die Inszenierung perfektionierte und eine junge Schwedin auf die Bühne holte. Die 17-jährige Emme hat eine Leukämie-Erkrankung überstanden. Shiffrin hat sie bei ihrem Weltcup-Sieg in Are kennengelernt. „Du bist eine meiner größten Inspirationen. Ich nenne dich meinen Engel, weil du mich an die wichtigen Dinge im Leben erinnerst“, sagte Shiffrin zu Emme.
Allerdings wirkte dieses Rührstück echt, und auch sonst war relativ wenig Show bei Shiffrins Auftritt. Dass sie in Are wie so viele Athleten krank wurde, hatte sie anders als der damit regelmäßig kokettierende Österreicher Marcel Hirscher nicht publik gemacht. Erst nach dem Renne sprach sie darüber. „Ich konnte im Ziel einfach nicht mehr atmen, davor und danach auch kaum“, erklärte sie mit krächzender Stimme. Atemlos zu Gold, das gelingt vermutlich nur Shiffrin.
Diese WM war für sie fast so schwierig wie Olympia vor einem Jahr in Pyeongchang. Damals hatte sie sich treiben lassen vom Druck, Medaillen gewinnen zu müssen – und war ausgerechnet im Slalom leer ausgegangen. In Are verzichtete Shiffrin auf die Kombination und den Teamwettbewerb, um sich nach dem Super-G-Gold ganz auf die beiden technischen Disziplinen zu konzentrieren. Von Lindsey Vonn und Bode Miller, der anderen US-Skigröße, gab es dafür Kritik. Als Shiffrin im Riesenslalom nur Bronze holte, kamen bereits wieder Zweifel an ihrem Nervenkostüm auf. Dass sie es dann doch geschafft hat, alles auszublenden, die Diskussionen, den Druck und den Husten, hat sie auch ihren Betreuern zu verdanken, weiß Shiffrin: „Sie haben gesagt: „Reiß dich für 60 Sekunden zusammen. Alles andere ist egal.“ es