Vor dem Liverpool-Spiel

Der Tag X der Bayern

von Redaktion

MARC BEYER

Würde der Profifußball den Gesetzen des Films gehorchen, ließe sich aus den letzten Monaten ein vielversprechendes Drehbuch basteln. Ein Team, das seine besten Jahre ganz offensichtlich hinter sich hat, in der Gegenwart immer wieder schwächelt, aber in der nahen Zukunft vor einer letzten großen Aufgabe steht. Ehe es soweit ist, kassiert es schmerzhafte Rückschläge, darunter saftige Niederlagen, leistet sich absurde Fehler und, unmittelbar vor dem Spiel der Spiele, zu allem Überfluss ein Eigentor nach 13 Sekunden. Doch dann, am Tag X, ist der ganze desaströse Vorlauf schlagartig vergessen, und die Helden machen das Spiel ihres Lebens.

Es wäre ein arg pathetisches Finale, aber nicht deshalb hinkt der Vergleich zum FC Bayern. Das viel größere Problem ist, dass der deutsche Rekordmeister vor gar keinem Endspiel steht. Im denkbar besten Fall ginge es mit der Partie beim FC Liverpool überhaupt erst richtig los. Es ist die erste wahre, ernstzunehmende Prüfung. Verglichen damit waren Gladbach und Hertha, Düsseldorf und Freiburg, selbst Dortmund und Leverkusen nur ein sanfter Aufgalopp.

Seit der Auslosung im Dezember hat sich – viel zu früh in der Saison, wenn es nach den Bayern geht – eine Spannung aufgebaut, die sich heute Abend explosionsartig entladen könnte. Mit ihren fehlerhaften und irritierend unbelehrbaren Auftritten haben sie dafür gesorgt, dass vor dem Duell an der Anfield Road sogar der krasseste Verlauf denkbar erscheint. Selbst eine vernichtende Niederlage, wie sie im letzten Jahr Manchester City (0:3) oder AS Rom (2:5) in Liverpool erlitten, erscheint nicht völlig abwegig.

Nicht weniger wahrscheinlich ist allerdings ein ganz anderes Szenario. Ein Kraftakt der alten Garde, die im Alltag etwas abgestumpft sein mag, aber immer noch hellwach agiert, wenn es wirklich darauf ankommt. Die Münchner haben unzweifelhaft ihre Schwächen, doch vor lauter Bayern-Bashing hat man zuletzt leicht vergessen können, dass in diesem Kader auch Qualität in rauen Mengen vorhanden ist. Umgekehrt besteht der FC Liverpool nicht nur aus einer sagenhaften Offensive und einem charismatischen Trainer. Ergänzt wird das Ensemble durch eine Defensive, die zuletzt nicht immer sattelfest war und zudem arg dezimiert.

Es ist vieles möglich für den deutschen Meister, in beide Richtungen. Das Risiko, das diesem Spiel innewohnt, ist gleichwohl größer als die Chance. Setzen sich die Bayern gegen Liverpool durch, haben Sie in der Champions League noch lange nichts geworden. Scheitern sie hingegen, wird die Saison nicht mehr zu retten sein.

marc.beyer@ovb.net

Artikel 1 von 11