Diebe, Spott und eine Indianer-Attacke

von Redaktion

Kaum zu glauben, aber wahr: Obwohl der FC Bayern und der FC Liverpool Stammgäste in der Champions League sind, kreuzen die beiden Klubs erstmals seit 38 Jahren wieder die Klingen. 1981 fand das bislang letzte von insgesamt nur sechs Duellen im Europacup statt. Reporterlegende Claudius Mayer war viermal live im Stadion dabei und blickt zurück.

VON CLAUDIUS MAYER

Erding – Messepokal hieß der Wettbewerb, bei dem die Roten und die Reds im Frühjahr 1971 zum ersten Mal aufeinandertrafen. Er war der Vorgänger des UEFA-Cups und genoss wenig sportlichen Wert. Am 10. März verloren Beckenbauer, Müller & Co. mit 0:3 an der Anfield Road, alle Tore erzielte Stürmer Alun Evans, der damals nicht zu den großen Stars beim FC Liverpool zählte. Beim Rückspiel zwei Wochen später sah ich ein 1:1 im Stadion an der Grünwalder Straße.

Edgar Schneider hatte beim Ausscheiden der Bayern den Ehrentreffer erzielt. Ein gutes halbes Jahr später kam die Gelegenheit zur Revanche. Im Europacup der Pokalsieger, den es mittlerweile auch schon lange nicht mehr gibt. Am 20. Oktober 1971 flogen die Bayern mit einem 0:0 aus Liverpool nach München zurück, wo sie zwei Wochen später vor 40 000 Besuchern im „Grünwalder“ einen 3:1-Sieg durch Tore von Gerd Müller (2) und Uli Hoeneß feierten. Wieder war ich live im Stadion dabei und wieder sah ich ein Tor von Alun Evans. Es war so herrlich, dass die Zuschauer der ARD-Sportschau Evans zum „Torschützen des Monats“ kürten.

Knapp zehn Jahre später mein erster Besuch an der Anfield Road, wo die von Pal Csernai trainierten Bayern im Halbfinale des Europapokals der Landesmeister ran mussten. Damals, im frühjahr 1981, wurde vieles noch weit lockerer gehandhabt als heute. Als Reporter konnte man sich vor dem Anpfiff problemlos in den Kabinengängen aufhalten. Als ich etwa eine Stunde vor Anpfiff auf meinen Presseplatz ging, saß keine zwei Meter von mir entfernt in Zivilkleidung Liverpools Torhüter Ray Clemence, der sich noch ganz entspannt mit einem englischen Kollegen unterhielt.

Die Stimmung im Stadion war bombastisch. Damals gab es noch den „echten“ Kop. Lauter Stehplätze, von denen aus sich die LFC-Fans bis zum Anpfiff die Seele aus dem Leib sangen. Natürlich auch mit „You‘ll never walk alone“, aber ich fand am beeindruckendsten, als sie den 66er-Soulklassiker „What becomes of the broken hearted“ zum Besten gaben.

Die Partie endete torlos, in erster Linie deshalb, weil Torhüter Walter Junghans sein wohl bestes Spiel im Trikot des FCB bestritt und Liverpools Stürmer zur Verzweiflung brachte. Die Bayern wähnten sich schon auf dem Weg ins Finale, erlebten aber 14 Tage später – vor 75 000 Besuchern im Olympiastadion – eine Riesenenttäuschung. Ray Kennedy hatte Liverpool in der 82. Minute in Führung gebracht, Karl-Heinz Rummenigge gelang nur noch der Ausgleich (87.).

Die Auswärtstor-Regel kostete Bayern das Finale. Für Mittelstürmer Dieter Hoeneß brach „eine Welt zusammen“, Klaus Augenthaler gestand, er sei „von der ersten bis zur letzten Minute nervös“ gewesen. Franz-Josef Strauß, damals Ministerpräsident, fragte „in all meiner Laienhaftigkeit“, ob es an der Form gelegen habe – „oder an der Taktik“.

Trainer Pal Csernai warf seinen Spielern vor, „Angst vor den Zweikämpfen“ gehabt zu haben. Zum sportlichen Schaden kam auch noch der Spott. Liverpool-Star Graeme Souness sauste eine Viertelstunde nach Abpfiff mit kurzem Höschen und nacktem Oberkörper aus der Umkleide der Engländer in die wenige Meter entfernte Bayern-Kabine und machte einen auf siegreichen Indianer. Mit der einen Hand unterstützte er die „Hugh“-Rufe an seinem Mund, mit der anderen deutete er eine Feder am Hinterkopf an. Eine schnelle Runde um den Massagetisch, ein gschertes „Good Luck“ – schon war er wieder verschwunden.

Bayern-Spieler wollten daraufhin die Kabine der Engländer stürmen, aber deren Tür war verschlossen. Das war’s dann mit den Duellen zwischen dem FC Liverpool und den Bayern auf Europacup-Ebene.

In die Beatles-Stadt ging’s vier Jahre später aber doch noch mal – am 24. April 1985. Im Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger schieden die Bayern nach einem 0:0 im Heimspiel beim FC Everton aus: 1:3 endete das Rückspiel. Selten habe ich eine Mannschaft mit einer solchen Brutalität zur Sache gehen sehen wie den Lokalrivalen des FC Liverpool im Goodison Park.

„Es war die Hölle“, sagten die Bayern-Spieler hinterher: „Wir wurden geschlagen, getreten und auch noch pausenlos bespuckt.“ Stürmer Reinhold Mathy stellte fest: „Von Everton hat jeder so gespielt, als würde er zu den vielen Arbeitslosen in Liverpool gehören und müsste um jede Mark rennen.“

Als die Bayern hinterher im Mannschaftshotel ankamen, mussten sie feststellen, dass sie auch noch beraubt worden waren. Diebe waren während des Spiels in die Zimmer eingedrungen und hatten einiges mitgehen lassen. Co-Trainer Egon Coordes fehlten fast 1000 Mark und die Scheckkarte. Geschäftsführer Karl Hopfner wurde ein Koffer mit allen wichtigen Unterlagen geklaut. Auch etliche Fans waren betroffen – und Vizepräsident Karl Pfab. Als der fast 80-Jährige erzählte, was ihm fehlte, konnten die Bayern zumindest wieder ein bisschen lachen. „Mir hams mein Anzug gschdoin…“

P.S. Auch der TSV 1860 durfte sich mal mit dem FC Liverpool messen. Es ging gruselig aus. Mit 0:8 verloren die Löwen im November 1967 an der Anfield Road. Nach wie vor die höchste Pflichtspielniederlage der Sechziger nach dem 2. Weltkrieg. Trotzdem sah ich mir das Rückspiel an der Grünwalder Straße an. Ein 2:1 für die Löwen durch zwei Tore von Wilfried Kohlars.

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