Das Bayern-Bollwerk hält

von Redaktion

0:0 – Dank einer exzellenten Defensive bestehen die Münchner in Liverpool

VON ROY MANSEN

Liverpool – 50 000 Menschen können eine beeindruckende Lautstärke entwickeln. Bevor es gestern Abend an der Anfield Road losging, stimmten die Zuschauer „You’ll never walk alone“ an, die Vereinshymne des FC Liverpool, wie sie es vor jeder Partie tun. In diesem Moment versprach es ein Abend der ganz großen Gefühle zu werden, der Hochspannung und vielleicht sogar der Magie. Der FC Liverpool hat schon viele solcher Abend erlebt, doch der gestrige folgte einer vollkommen anderen Dramaturgie. Der FC Bayern kühlte die Stimmung mit einer glänzenden, defensiv ungemein beeindruckenden Vorstellung auf ein sehr moderates Maß herunter. Schon lange bevor die Partie abgepfiffen und das 0:0 besiegelt war, mischte sich in die englischen Chöre deutlich vernehmbar das Liedgut der Gäste: „Auf geht’s, Bayern, schießt ein Tor!“

Mit diesem Ergebnis war wahrlich nicht zu rechnen, weder mit einem Remis noch mit einem der torlosen Art. Es beschert den Bayern eine vielversprechende Ausgangsposition für das Rückspiel am 13. März, auch wenn den „Reds“ ein Tor auch in der Fremde allemal zuzutrauen ist. Betrüblich für die Münchner ist freilich, dass Joshua Kimmich wegen einer Gelb-Sperre dann fehlen wird.

Im Vorfeld war ausgiebig über die furiose Offensive der Engländer und die zuletzt poröse Münchner Abwehr debattiert worden, aber für die Bayern fast noch wichtiger war die Besetzung des Mittelfeldes. Von hier sollte die lebensnotwendige Unterstützung für die Defensive kommen, weswegen der versierte Auf- und Abräumer Javi Martinez nach Monaten des Reservistendaseins plötzlich wieder im Kurs zu steigen begann. Dass der Baske dann tatsächlich spielte, lag aber nicht allein am Umdenken seines Trainers. Sondern auch daran, dass Leon Goretzka schon am Vormittag im Abschlusstraining signalisierte, nicht mitmachen zu können. An der Achillessehne habe „ein Nerv, eine Sehne, ein Muskel“ Schmerzen bereitet, berichtete Niko Kovac.

Es war dann auch (aber nicht nur) Martinez’ Wellenbrecher-Qualitäten zu verdanken, dass die Anfangsphase weniger strapaziös als befürchtet verlief. Liverpool begann für seine Verhältnisse verhalten, hatte hier und da eine hübsche Aktion, ohne aber wirklich konkret zu werden. Das war das Verdienst der gesamten Münchner Mannschaft, die gegen den Ball enorm fleißig und diszipliniert agierte.

Es dauerte mehr als eine halbe Stunde, bis es für die Bayern wirklich brenzlig wurde. Mane, der allein fast ein halbes Dutzend – meist ungefährliche – Torschüsse fabrizierte, kam nach einem abgeblockten Keita-Versuch frei zum Abschluss, verzog aus der Drehung aber (33.). Der Senegalese und seine Mitstreiter Firmino und Salah zeigten ein paar verwirrende Manöver, doch die allerletzte Zuspitzung fehlte ihren meist. Die größte Chance zur Führung bot sich noch Joel Matip, dem ehemaligen Schalker und als Innenverteidiger Nummer vier Nutznießer diverser Sperren und Verletzungen, der den Ball am Pfosten vorbeistocherte (40.).

Entgegen aller seriösen Vorhersagen waren die Bayern der Führung in der ersten Halbzeit sogar näher. Während die Gäste von der intensiven Atmosphäre weitgehend unbeeindruckt wirkten, drohte die Liverpooler Hintermannschaft zeitweise die Nerven zu verlieren. Lange bevor er vor dem gegnerischen Tor Schaden hätte anrichten können, prüfte Matip seinen eigenen Schlussmann mit einem völlig missglückten Rettungsversuch, den Alisson Becker in höchster Not entschärfte (13.). Drei Minuten später war es dann der Brasilianer selbst, der von allen guten Geistern verlassen wirkte. Statt einen sicheren, langen Ball zu spielen, vertändelte er ihn, woraufhin James blitzschnell Coman in Szene setzte. Der Franzose traf dann aber nur das Außennetz.

Die Bayern konnten mit dieser ersten Hälfte gut leben. Dass sich die Angriffswucht der Engländer nicht vollständig würde eindämmen lassen, war ihnen vorher klar gewesen. Aber gemessen an dem Schrecken, den Liverpools Offensive in dieser Saison schon verbreitet hat, ließen die Gäste aus München nur ein sehr reduziertes Spektakel zu. Und bald nach der Pause setzten sie ihrerseits wieder erste vielversprechende Akzente. Gnabrys Fernschuss (59.) gehörte zu den besseren Gelegenheiten des Abends.

Liverpools Fans sangen unverdrossen ihre Lieder, doch längst war klar, dass dies keine dieser magischen Nächte mehr werden würde, wie sie der Club vergangene Saison regelmäßig erlebt hat. Ein letztes Mal versuchte es Mane, doch Neuer war zur Stelle (85.). Die Bayern waren nicht zu bezwingen.

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