Herbergers Gemeinschaft

von Redaktion

Die Bayern zeigen gegen Liverpool, dass sie in großen Spielen funktionieren

VON ULLI BAUM

Liverpool – Später, beim Bankett im Titanic-Hotel, passierte es dann. Die Einheit bröckelte, zum ersten Mal an diesem Champions League-Abend zogen die Spieler des FC Bayern nicht an einem Strang. Die einen verabschiedeten sich bald nach dem Essen, die anderen blieben ein bisschen länger im „The Rum Warehouse“ und genossen den Ausklang eines ziemlich gelungenen Ausflugs.

Die Verantwortlichen des deutschen Rekordmeisters hatten mit dieser individuellen Gestaltung des mitternächtlichen Programmpunktes jedoch keine Probleme, ebenso wenig Trainer Niko Kovac. Die Arbeit hatten die Münchner ja zuvor gemeinschaftlich fast nach Wunsch erledigt und durch das 0:0 gegen den FC Liverpool im Achtelfinal-Hinspiel am Dienstagabend, wie der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge sagte, „die Tür für das Rückspiel ein Stück aufgestoßen“.

Was aber passieren kann, wenn man vergisst, auch noch den nächsten Schritt zu machen, hatte der Bayern-Boss einst selbst erlebt. 1981 waren die Münchner ebenfalls mit einem 0:0 aus Liverpool abgereist und „wir waren leider der Meinung, dass das Schlimmste hinter uns läge“, erinnerte er sich. „Dann haben wir in München 1:1 gespielt“ und waren im Halbfinale des Meistercups ausgeschieden.

Den Rückblick an den Bayern-Hochmut von 1981 hätte es womöglich gar nicht bedurft. Es war wohl auch mehr eine Vorsichtsmaßnahme. denn in der Kabine, stellte Rummenigge zufrieden fest, „herrschte keine Partystimmung. Die Mannschaft weiß, dass noch ein schweres Spiel auf sie wartet.“

Bei der Bewertung der Ausgangslage für die zweite Partie am 13. März, in der die Münchner neben dem noch immer rotgesperrten Thomas Müller auch auf Joshua Kimmich (dritte Gelbe Karte) verzichten müssen, agierte die Mannschaft so geschlossen wie zuvor auf dem Platz. „Das war ein tolles Signal“, sagte Kapitän Manuel Neuer: „Aber wir können nicht sagen, dass wir durch sind.“ Innenverteidiger Mats Hummels sieht den FC Bayern ebenfalls „mitnichten mit einem Bein weiter“.

Die Münchner zeigten in Liverpool, was möglich ist, wenn sie als Mannschaft auftreten. „Sepp Herberger“, sagte Rummenigge, „hätte große Freude daran gehabt: einer für alle, alle für einen.“ Vor allem defensiv überzeugte der FC Bayern im Verbund. „Jeder hat für jeden gearbeitet“, fand Kovac. Wichtig sei gewesen, „dass wir auf vielen Positionen defensiv gedacht haben“. Damit überraschten die Münchner die hochgelobte Offensive des letztjährigen Champions League-Finalisten. „Ich habe weder Gnabry schon mal so verteidigen sehen, noch habe ich Alaba und Kimmich je so diszipliniert gesehen – nach hinten“, sagte Liverpools Jürgen Klopp. Seine Spieler ließen sich von der kompakten Vorstellung der Gäste beeindrucken „und haben den Ball oft in die Beine der Bayern gespielt“, gibt der frühere Trainer von Borussia Dortmund zu.

Die Leistung an der Anfield Road steht in der bisher an Glanzpunkten nicht so sehr reichen Saison sehr weit oben und könnte ein Indiz dafür sein, dass der FC Bayern doch noch eine Mannschaft für die ganz großen Spiele hat. Dass ein Team im reiferen Alter, obendrein schon reicht dekoriert mit vielen Trophäen, nicht mehr in der Lage ist, Woche für Woche Höchstleistungen zu bringen, ahnt auch Kovac. Natürlich würde er sich wünschen, dass „die Jungs“ auch am Samstag gegen Hertha BSC Berlin so spielen, sagte der Bayern-Trainer: „Die Bundesliga ist wichtig, aber viele Spieler sehen die Champions League noch etwas größer und werfen da eben mehr rein.“ Für Sportdirektor Hasan Salihamidzic ist vor allem ausschlaggebend, dass die Konzentration in der Champions League um „noch einmal fünf bis zehn Prozent“ höher sei. Hoch genug, um in Liverpool zu bestehen.

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