Die Kunst der Torverhinderung

Unterschätzte Gaben

von Redaktion

MARC BEYER

Einen besseren Spitznamen als „King“ muss ein Fußballer erst mal finden. Wer so heißt, dem fallen Lob und Verehrung nur so zu. „Der King“, erzählte Niko Kovac also am Dienstag, habe sich neulich in Berlin „urplötzlich einen Krampf reingezogen“, weswegen er in der Nachspielzeit habe ausgewechselt werden müssen. In Wahrheit habe sich der Franzose zwar gar nicht so schlecht gefühlt, aber die Verzögerung kam den Bayern halt sehr gelegen. So ähnlich sei es nun in Liverpool mit Javi Martinez gewesen, der nach fast 90 fabelhaften Minuten wegen identischer Beschwerden intensiv behandelt wurde. Kurz vor Ultimo sei das selbstverständlich „alles nur gespielt“ gewesen, berichtete Kovac und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Wenn selbst Krämpfe für Pointen taugen und eine Unsportlichkeit zum Schelmenstück wird, kann ein Abend so schlecht nicht verlaufen sein. Verglichen mit den apokalyptischen Abgründen, die dem FC Bayern vor der Partie in Liverpool prophezeit wurden, sind sie ziemlich ungeschoren davongekommen. Allein das wäre ein Grund zum Freuen und Feixen. Noch besser wird der Abend aber dadurch, dass sie ein Kunststück vollbracht haben, an dem andere Größen krachend gescheitert sind.

In den besten Momenten der Münchner sah die Partie so aus, als sei dies ein anderes Liverpool als jenes, das in Europas Arenen seit letztem Jahr Angst und Schrecken verbreitet. Die gefürchteten Stürmer Salah, Mane und Firmino scheiterten immer wieder beim Versuch, einen brillanten Spielzug mit einem kongenialen Abschluss zu veredeln. Was sie in letzter Konsequenz fabrizierten, schien unter ihrem Niveau.

Die Gabe, einen starken Gegner schwach aussehen zu lassen, wird gerne unterschätzt. Die Bayern dürfen sich zugute halten, auf dem Gebiet der Torverhinderung viel richtig gemacht zu haben. Das ist auch deshalb so bemerkenswert, weil sie in dieser Hinsicht zuletzt mit derselben Konsequenz eine Menge falsch gemacht haben. Es ist offensichtlich, dass sie in den so genannten großen Spielen Kräfte mobilisieren, die sie im Alltag oft unter Verschluss halten. Das lässt für das Rückspiel – und womöglich weitere K.o.-Runden – hoffen. Gleichzeitig ist es aber auch ein neuer Anlass, sich zu hinterfragen und den vielzitierten Umbruch mit Macht anzugehen. So krasse Schwankungen wie in dieser Saison hat es in den vergangenen Jahren nicht gegeben.

marc.beyer@ovb.net

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