Eine Angelegenheit des Herzens

von Redaktion

Es war ein Schock. Alles war plötzlich anders, von einem Moment auf den anderen. Bundesliga hatten sie gespielt, große Pläne, ambitionierte Ziele verfolgt. Und nun? Ihre Mannschaft, die TBA Fireballs Bad Aibling, abgemeldet vom Spielbetrieb, mitten in der Saison. „Wir mussten erst mal in uns gehen, brauchten Zeit“, sagt Lena Bradaric. An Angeboten hätte es nicht gefehlt, Lena ist 25, deutsche Basketball-Nationalspielerin. Sie wäre überall untergekommen, im In-, im Ausland. Aber wollte sie weg?

Vor eineinhalb Jahren erst hatten sie und ihre Mitspielerin Lindsay Sherbert die Leitung der Deutschen Basketball Akademie (DBA) übernommen, hier, in Bad Aibling. Sollten sie das jetzt aufgeben? Was sagt der Kopf, was das Herz? Wer hat die stärkeren Argumente?

„Wir beide pausieren nun erst mal“

„Das Herz hat gesiegt“, sagt Lena. Aber der Kampf ist hart gewesen. Die blonde junge Frau, mit 1,66 m eigentlich viel zu klein für Basketball, stammt aus einer Basketball-Familie, sie war der „local hero“, der Liebling des Bad Aiblinger Publikums, eine Identifikationsfigur. Und nun sollte ihre Karriere urplötzlich zu Ende sein?

„Wir pausieren erstmal“, lässt sie sich und Lindsay ein Hintertürchen offen. Zumindest vorerst aber gilt ihre ganze Konzentration der Akademie. „Wir sehen in der misslichen Situation auch eine Chance“, sagt Sherbert, eine ehemalige amerikanische Profispielerin. Der Schock von Ende November ist fast verdaut, seitdem widmen sich die beiden Frauen ganztägig ihrem Projekt, das für sie eine „Herzensangelegenheit“ ist. Ganz in der Nähe ihrer einstigen Heimspielstätte im Sportpark Bad Aibling, haben sie ein hübsches Büro bezogen, zum Dietrich-Bonhoeffer-Bildungscampus sind es nur ein paar Meter. Die Privatschule ist ein Kooperationspartner, 24 der insgesamt 50 Zöglinge der DBA erwerben dort einen ordentlichen Schulabschluss.

„Die Schule steht an Nummer eins“, betont Lena, ihre Mission sei es, „junge Menschen zu entwickeln“. Sportlich, aber vor allem auch persönlich. Natürlich gibt es hier an der Akademie einige Talente, die eine vielversprechende Zukunft im Basketball vor sich haben, aber auch viele, für die dieses Spiel einfach wunderschönes Hobby ist. „Bei uns ist jeder willkommen“, sagen Lena und Lindsay, „egal, ob einer von der NBA träumt oder nur Bewegung sucht.“ Diese Kinder und Jugendlichen hätten es ihnen leichter gemacht, eigene Ambitionen erst mal zurückzustellen, „uns sind die Kids so sehr ans Herz gewachsen, dass wir unmöglich weggehen und die Akademie hätten aufgeben können.“

Den Kindern helfen, ihre Ziele zu erreichen

Im Gegenteil, nun geben sie erst recht Gas. Ohne die Belastung eines eigenen professionellen Trainings können sie sich nun ihren Schützlingen widmen, ihnen helfen, persönliche Ziele zu verwirklichen. Sollte es College Basketball oder die Bundesliga sein, finden sie es mutig und großartig, sagen aber auch deutlich, dass dafür extrem harte Arbeit nötig ist. „Wir wissen, wovon wir reden, auch wir mussten oft dreimal am Tag trainieren, um es nach oben zu schaffen.“ Kein Honigschlecken, aber der Sport, sagt Lena, ist wichtig. Für die Gesundheit, für die Persönlichkeit.

Noch mehr Camps, noch mehr Projekte

Mit ihrer Akademie schaffen sie Möglichkeiten, geplant sind nun noch mehr Camps, noch mehr Grundschul-Projekte, noch mehr Kontakt zu Vereinen und Vereinstrainern, noch mehr Besuche von Spielen. „Dafür haben wir jetzt die Zeit.“ Lena Bradaric und Lindsay Sherbert vermissen natürlich schon das eigene hochklassige Spiel, werden aber tagtäglich entschädigt durch die Arbeit mit den Kindern: „Wir können auch viel von ihnen lernen“, Kinder sind authentisch, sagen ehrlich ihre Meinung: „Damit halten sie uns den Spiegel vor.“

Die Akademie fordert nun ihre gesamte Kraft. Es geht ja nicht nur um Training, das sie gemeinsam mit drei weiteren Coaches planen und durchziehen, es geht auch um Organisation, Marketing, Sponsoren-Akquise. „Eine fordernde, aber äußerst attraktive Aufgabe“, sagt Lena. „Man lernt viele interessante Leute kennen“, ergänzt Lindsay. Am wichtigsten aber ist ihnen, ihren Schützlingen gute Begleiter zu sein auf dem Weg in ein erfolgreiches Leben.

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