Jede Minute zählt

von Redaktion

Spätestens Mitte März gegen Liverpool wird es beim FC Bayern auf Rafinha ankommen. Bis dahin bräuchte der Rechtsverteidiger Spielpraxis, aber die kann ihm sein Trainer angesichts der Tabellensituation in der Liga kaum gewähren. Joshua Kimmich ist unverzichtbar.

VON MARC BEYER

München – Keine Interviewrunde vergeht, ohne dass Niko Kovac zu ein, zwei, drei Spielern Stellung beziehen muss, die aus den unterschiedlichsten Gründen aktuell nicht zum Zug kommen oder gerade erst wieder in die Mannschaft gerutscht sind. Gestern ging es der Reihe nach um Thomas Müller, Javi Martinez und Renato Sanches. „Ihr pickt Euch immer die raus, die nicht spielen“, brummte der Trainer des FC Bayern den Reportern entgegen, halb genervt, halb schicksalsergeben. Einmal mehr verwies er auf die hohe Qualität des Kaders, auf „20 tolle Spieler“, zwischen denen er sich entscheiden müsse, und auf die Zwänge eines Trainers: „Es ist für mich auch nicht so einfach.“

Manchmal kommen ihm immerhin die Umstände zur Hilfe. Müllers Rotsperre schuf Platz für James Rodriguez, Martinez’ Einsatz in Liverpool wurde vom Ausfall Leon Goretzkas begünstigt, bloß Renato Sanches muss draußen bleiben, weil es halt anders nicht geht. „Es wäre sehr viel leichter, wenn wir viele Punkte Vorsprung hätten“, argumentiert Kovac. Aber bei drei Zählern Rückstand auf Tabellenführer Dortmund kann er sich allzu großzügige Umbauten zum Erhalt des inneren Friedens nicht erlauben.

So kompliziert wie bei Rafinha, dem Rechtsverteidiger, ist es aber selbst beim FC Bayern selten. Der gebürtige Brasilianer ist eigentlich der perfekte Ergänzungsspieler. Muss er zuschauen, ist von ihm kein Murren zu vernehmen. Rückt er ins Team, erfüllt er seine Aufgaben sehr solide, wenn auch nicht ganz so unwiderstehlich wie Joshua Kimmich. Und das ist jetzt das Problem.

Am Dienstag hat Kimmich seine dritte Gelbe Karte der Champions-League-Saison gesehen, im Rückspiel am 13. März wird er fehlen. Normalerweise wäre jetzt die Zeit, Rafinha Spielpraxis zu verschaffen, vielleicht schon morgen Nachmittag gegen Hertha BSC Berlin. Aber so einfach ist das diesmal nicht.

Die Bayern brauchen ihren Kimmich. Der Besuch der Hertha ist eines dieser Spiele, bei denen man vorher nicht weiß, welche Version des Rekordmeisters zu sehen sein wird: Die hochkonzentrierte, defensiv bestens organisierte aus der Champions League oder die fahrige aus der Bundesliga, die immer wieder beim Toreverhindern schludert? Einen Leistungsträger wie Kimmich draußen zu lassen, ist in der aktuellen Lage auch für einen Bayern-Trainer ein Luxus, den er sich kaum leisten kann.

„Wir sind in einer Situation, wo wir aufholen müssen“, erinnert Kovac. Für Rafinha bedeutet das voraussichtlich, sich erst mal weiter hinten anstellen zu müssen. „Mit Fünf-Minuten-Einsätzen“ werde es zwar „schwierig“, ihn in den nötigen Rhythmus für Liverpool zu versetzen, aber mehr müsse die sportliche Lage erst mal hergeben: „Es geht sehr viel leichter, wenn das Spiel gut läuft.“

Im Falle einer klaren Führung könnte Rafinha früher kommen. Aber die Hertha ist einer dieser Gegner, die man erst mal niederringen muss. „Uns liegt es, dem Gegner auf den Sack zu gehen“, berichtete Verteidiger Niklas Stark gerade durchaus stolz dem „kicker“. Die letzten vier Begegnungen in der Liga endeten ohne Münchner Sieg, und auch neulich im DFB-Pokal setzte sich der Favorit erst in der Verlängerung durch. Es könnte ein zähes Anrennen werden. Und für Rafinha ein langes Zuschauen.

Aber vielleicht kommt ja alles ganz anders, und Joshua Kimmich spielt gar nicht rechts hinten. Auch im zentralen Mittelfeld, seiner fußballerischen Heimat, kam er diese Saison schon zum Einsatz, zuletzt bei der Niederlage in Leverkusen. Dort könnte Leon Goretzka ausfallen (ebenso wie der erkältete Mats Hummels), und Javi Martinez hat ein anstrengendes Spiel in den Knochen. Womöglich ist Kimmich dort ein Kandidat. Oder Renato Sanches.

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