Der BC Hellenen München war, wie der Name ahnen lässt, ein Basketballverein griechischer Migranten, die anfangs zu gerne unter sich geblieben sind. Dass er heute unter dem Leitspruch „Uniting Cultures“ firmiert, hat viel mit Konstantin Kirsch zu tun. Kirsch, Mutter Griechin, Vater Deutscher, ist 2009 zum Vorsitzenden gewählt worden und hat das Image des Vereins ziemlich radikal verändert: „Es musste sich was ändern. Wir wollten den Verein neu erfinden.“ Im siebenköpfigen Vorstand ist er nun der einzige mit griechischen Wurzeln, sein Stellvertreter ist Türke, „das funktioniert, auch wenn mich einige für verrückt erklärt haben“. Ein Franzose und vier Deutsche vervollständigen das Septett, eine recht multikulturelle Mischung, wie der gesamte Verein. Nicht mehr Griechisch, jetzt wird hier Deutsch gesprochen, Bayerisch, oft auch Englisch.
Dass der Vereinsnamen trotzdem noch immer passt, begründet Kirsch mit Sokrates: „Hellene ist man ja nicht durch Geburt und Aussehen, sondern durch Vernunft und Bildung“, habe der Philosoph sinngemäß gesagt – jeder kann also Hellene sein. Inzwischen spielen Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus rund 40 Nationen in den 23 Mannschaften. Menschen zu verbinden, zu integrieren, egal, welcher Kultur, welcher Religion, welcher Sprache, das macht der Verein inzwischen derart gut, dass sein Projekt gerade zu einem der Preisträger beim „Quantensprung“ wurde, einem Wettbewerb des Bayerischen Landes-Sportverbandes (BLSV) für innovative Vereinsarbeit.
Ein „Leuchtturmprojekt“ der Hellenen ist die Partnerschaft mit Bögöz in Transsilvanien, einer Region, in der eine ungarische Minderheit unter äußerst schwierigen und ärmlichen Bedingungen lebt. Sandy Lorenz, die Jugendleiterin des Vereins, war dort vor 15 Jahren Praktikantin in einem Kinderheim, Gegend und Menschen sind ihr „ans Herz gewachsen“. Mit den Münchner Basketball-Kids ist sie in den Ferien nach Rumänien gereist, hat in Bögöz gemeinsame Camps mit den dortigen Kindern veranstaltet, hat 25 000 Euro für den Bau eines Basketballplatzes aufgetrieben, Trainer engagiert, Sinn und Abwechslung in das Leben der Dorfbevölkerung gebracht. Lorenz weiß, „wie wichtig Sport gerade für sozial schwache Familien ist“.
„Inzwischen ist das Projekt so groß geworden, dass dafür ein eigener Verein gegründet werden musste“, sagt Kirsch. „Basketball Leben e.V.“ heißt er und Sandy Lorenz hat eine große Vision: Für Bögöz und die Nachbardörfer soll eine Halle entstehen, Augsburger Architektur-Studenten haben dafür schon Baupläne erstellt und ein Modell gebastelt. Noch aber fehlt das Geld, rund 800 000 Euro werden gebraucht.
Verein hat auch einen Erziehungsauftrag
Der interkulturelle Austausch mit Rumänien ist für Kirsch inzwischen bedeutender Bestandteil im Vereinsleben der Hellenen: „Unsere Münchner Kinder haben alles, es geht ihnen gut. In Bögöz lernen sie eine ganz andere Welt kennen.“ Eine, in der es um das Nötigste geht, nicht darum, wie gut das W-Lan funktioniert: „Das verändert die Kinder, sie leben danach bewusster. Und leisten mehr.“ Man habe als Verein ja auch einen Erziehungsauftrag, sagt Kirsch.
Das kommt an. Der BC Hellenen unterscheidet sich mit seinen sozialen Projekten von „normalen“ Sportvereinen, genau das „Alleinstellungsmerkmal“, das Konstantin Kirsch und seine Mitstreiter anstrebten. Kirsch, bei einem Konzern im Münchner Osten für Geschäftsentwicklung zuständig, führt den Verein wie ein Unternehmen, will ihn „auf gesunde Beine“ stellen, mit einem Businessplan „am Markt positionieren“ und damit Sponsoren gewinnen. Wobei es ihm zwar auch, aber nicht so sehr, um den sportlichen Erfolg geht. Hochkarätige Trainer arbeiten im Verein, man ist von 35 auf 400 Mitglieder gewachsen, die Frauen haben schon 2. Bundesliga gespielt, die Herrenmannschaft sind in der 1. Regionalliga. Derzeit aber gibt es Überlegungen, „lieber einen Schritt zurückzugehen“, zugunsten der Jugendarbeit. Eine Akademie für die Neun- bis Elf-Jährigen, wo es vor allem um Bewegung geht, soll Kinder schon früh zum Basketball locken.
Es gibt viel zu tun. Als 2015 die Flüchtlingswelle Deutschland erreichte, stand auch der BC Hellenen für eine offene Willkommenskultur. Viele der Neuankömmlinge haben hier eine sportliche Heimat gefunden, das Motto „Uniting Cultures“ wurde mit neuem Leben gefüllt. Wer aber beim BC Hellenen auf Dauer mitspielen will, muss auch dessen Werte leben. Ganz profane Dinge wie Pünktlichkeit, „das ist mir wichtig“, sagt Kirsch, noch mehr aber Fairness, Anstand, Toleranz und vor allem Respekt gegenüber Frauen. Nur so könne Integration wirklich gelingen. „Wer damit nicht klar kommt, hat bei uns keinen Platz“, so Kirsch.
Nur so klappt es mit der Vereinigung der verschiedenen Kulturen. Aus dem einst rein griechischen Verein ist „ein Mini-Abbild der Münchner Gesellschaft“ geworden. Darauf ist Konstantin Kirsch stolz.