Beben auf Schalke

von Redaktion

Heidel zieht die Konsequenzen aus anhaltender S04-Krise und dankt ab

VON ERIC DOBIAS

Mainz/Gelsenkirchen – Christian Heidel wirkte sehr gefasst, als er ausgerechnet in seinem einstigen „Wohnzimmer“ seinen Abgang als Sportvorstand von Schalke 04 verkündete. Während draußen die sportlich völlig aus dem Tritt geratenen Profis des deutschen Vizemeisters nach der 0:3-Pleite beim FSV Mainz 05 von den aufgebrachten Fans lautstark beschimpft wurden, schilderte Heidel in den Stadion-Katakomben ohne große Emotionen die Beweggründe für seinen Rückzug. Mitten in der größten Schalker Bundesliga-Krise seit 36 Jahren löste der Ex-Mainzer damit ein königsblaues Beben aus.

„Ich glaube, dass ich die Verantwortung tragen muss für die sportliche Situation und auch ein Zeichen setzen muss. Ich habe immer aus einer Position der Stärke heraus gearbeitet. Die habe ich derzeit nicht“, sagte Heidel. In der Liga sind die Gelsenkirchener seit fünf Spielen sieglos, der Abstiegszone ist der Tabellen-14. gefährlich nah. „Es geht darum, aus dieser Situation heraus zu kommen. Da muss wirklich einiges passieren. Ob die Mannschaft Abstiegskampf kann, weiß ich nicht. Aber sie wird es müssen“, betonte Heidel.

Dafür müsse Ruhe im Verein herrschen, die mit seiner Person nicht mehr gegeben sei. Deshalb habe er schon vor zehn Tagen den stetig gereiften Entschluss gefasst, seinen bis zum Sommer 2020 gültigen Vertrag am Saisonende vorzeitig aufzulösen. Am vergangenen Montag informierte Heidel dann Aufsichtsratschef Clemens Tönnies über seine Entscheidung. „Ich habe gesagt, wir müssen das im Sommer beenden, ich löse den Vertrag auf, will kein Geld, verzichte auf alles, was mir zusteht“, berichtete er.

Faktisch ist der 55-Jährige ab sofort weg. „Ich stehe noch mit Rat und Tat zur Verfügung, aber nicht mehr in der vordersten Front“, betonte er. Sobald ein Nachfolger gefunden sei, werde er auch körperlich nicht mehr anwesend sein.

Als heißester Anwärter auf den Posten gilt Jonas Boldt, mit dem Heidel schon im Sommer 2018 Gespräche geführt hatte. „Ich schätze ihn sehr“, sagte Heidel über den ehemaligen Sportdirektor des Ligarivalen Bayer Leverkusen, der momentan noch seinen Nachfolger beim Werksclub einarbeitet. „Wenn man mich um meine Meinung fragt, werde ich die sagen. Aber ich werde nicht darüber entscheiden, wer mein Nachfolger wird“, so Heidel. Ein weiterer Kandidat soll Klaus Allofs sein, früher Manager bei Werder Bremen und beim VfL Wolfsburg.

Heidel wurde von seinen Kritikern vor allem eine verfehlte Transferpolitik vorgeworfen. Zuletzt konnten Abgänge wie die Nationalspieler Leon Goretzka oder Thilo Kehrer nicht adäquat ersetzt werden. Der vermeintliche Königstransfer Sebastian Rudy (kam vom FC Bayern) enttäuschte bislang. In seiner Amtszeit gab Heidel 154 Millionen Euro für neue Spieler aus und nahm nur 112 Millionen Euro durch Transfers ein – macht ein Minus von 42 Millionen Euro. Eine schlechtere Bilanz seit 2016 weisen nur RB Leipzig (-110 Millionen Euro) und der VfL Wolfsburg (-60 Millionen Euro) auf.

Die Rückzug Heidels setzten Trainer Domenico Tedesco erkennbar zu. „Es ist für mich sehr überraschend und traurig“, sagte er. Nun muss der Coach Schalke ohne die Rückendeckung seines Förderers schnell aus der sportlichen Krise führen. Sonst dürfte euch er keine Zukunft in Gelsenkirchen haben.

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