Eisenbichlers Skisprung-Märchen

von Redaktion

Im Weltcup ist der Siegsdorfer noch ohne Sieg – nun ist er Doppel-Weltmeister

VON PATRICK REICHELT

Innsbruck – Als er endlich ganz oben auf dem Siegertreppchen hoch über Innsbruck stehen durfte, da hat Markus Eisenbichler die Augen geschlossen. Für ein paar Momente war das Tollhaus Bergisel nicht mehr wichtig um ihn herum. Der 27-Jährige wollte nur die Nationalhymne genießen, die er inbrünstig mitsang.

Wirklich begriffen hatte er noch nicht, was ihm da gerade widerfahren war: „Wie soll man das auch begreifen, wenn man noch nie etwas gewonnen hat – und dann ist mal plötzlich Weltmeister?“ Ein Triumph, der für ihn umso vollkommener wurde, weil er ihn teilen durfte. Mit Karl Geiger, seinem Zimmerpartner, der zu Silber geflogen war. „Ich bin wahnsinnig glücklich, dass ich mit meinem Zimmer-Buddy feiern darf“, schwärmte Eisenbichler, „das ist einfach unbeschreiblich.“

Tags darauf nahmen Eisenbichler und Geiger dann auch noch Richard Freitag und Stephan Leyhe in die Party mit. Und als wäre es eine Selbstverständlichkeit, wurde auch das Teamspringen zu einer Demonstration der Stärke. Mehr als 31 Meter hatte das deutsche Quartett am Ende auf den schärfsten Widersacher aus Österreich herausgesprungen. Was für ein Abschiedsgeschenk für den scheidenden Bundestrainer Werner Schuster, dem der Team-Titel in elf Jahren beim DSV bislang versagt geblieben war. Der Österreicher war entsprechend stolz. „Das bedeutet mir unglaublich viel“, schwärmte er. „Ich bin sehr froh, dass ich hier dabei gewesen bin.“

Und Schuster schickte ein Lächeln an die Zweifler, die Eisenbichler und Geiger auch nach deren bärenstarken Auftritten am Bergisel in Training und Qualifikation derartige Leistungen nicht zugetraut hatten. „Niemand konnte sich damit anfreunden“, sagte der 49-Jährige, „jeder hat gedacht: Wenn es darauf ankommt, dann machen die bewährten Kräfte ihr Ding.“

Athleten wie der Pole Kamil Stoch, wie der österreichische Titelverteidiger Stefan Kraft und vor allem natürlich wie Ryoyu Kobayashi. Doch gerade der japanische Weltcup-Primus hat nicht mehr die traumwandlerische Sicherheit, mit der er zum Jahreswechsel an gleicher Stelle die Konkurrenz bei der Vierschanzentournee frustrierte. Und vor allem traf er diesmal auf einen Besseren. Eisenbichler hatte aus ähnlicher Position schon manch mögliches Erfolgserlebnis liegen lassen. Doch er attackierte diesmal, statt die Medaille abzusichern („Das kannst du im Skispringen nicht.“). Und er wurde belohnt.

135,5 Meter weit flog Eisenbichler im Finale. „Der Sprung war schon verdammt gut“, sagte Schuster, „da hätte sich Kobayashi auch in Bestform schon ziemlich strecken müssen.“ Der Japaner musste als Vierter neben dem deutschen Top-Duo auch noch dem Schweizer Killian Peier den Vortritt lassen, der nach Halbzeitführung mit 129,5 Metern noch eine viel umjubelte Bronzemedaille ins Ziel rettete.

Ganz anders als Eisenbichler und Geiger eben. Vor allem der Oberstdorfer hatte sich sein Formloch im Januar genommen. Doch schon bei der WM-Generalprobe in Willingen zeigte sich: Beide kommen pünktlich zu den Titelkämpfen in Fahrt. Für Eisenbichler war das auch ein versöhnlicher Dreh des Schicksals. „Wir sind beide harte Arbeiter und haben viele Tiefschläge erlebt und trotzdem nie aufgegeben“, sagte er, „jetzt haben wir uns belohnt.“

Nicht zuletzt deshalb wird es auch Andreas Wellinger vergleichsweise leicht gefallen sein, sich mit den Teamkollegen zu freuen. Der Olympiasieger von Pyeongchang stürzte im Einzelwettbewerb mit 119,5 Metern als 32. aus dem Wettbewerb und musste gestern der Flugshow der Kollegen zuschauen. Und tat es mit breitem Lächeln. „Absolut genial“, krähte er, „jetzt wird gefeiert.“

Nach dem Doppelschlag im Einzel hatten die DSV-Adler das noch dem Betreuerstab überlassen müssen (Geiger: „Ich habe gesagt: Alles geht auf unser Zimmer“). Gestern wollte dann auch die Mannschaft mit Blick auf den heutigen WM-Ruhetag nachziehen. Woran der Bundestrainer freilich nicht ganz glauben wollte: „Wenn die zwei Bier trinken“, sagte Schuster, dann fallen die um.“

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