München – Man stelle sich einmal vor, die Fußballer des FC Bayern würden gegen Borussia Dortmund freiwillig auf ihr Heimrecht verzichten und das Spitzenspiel der Bundesliga würde – beispielsweise – in Frankurt stattfinden. Was im Fußball unvorstellbar ist, wurde in der Tischtennis-Bundesliga am Samstagabend Realität, der Tabellenzweite Borussia Düsseldorf empfing den Spitzenreiter TTF Liebherr Ochsenhausen im Münchner Audi Dome. „Wir müssen mit unserem Sport raus zu den Menschen. Das muss auch der Marktführer machen, mit dem derzeit besten Spieler Deutschlands“, erklärte Düsseldorfs Manager Andreas Preuß. Gemeint war Timo Boll, den Tischtennis-Fans in München normalerweise nicht zu sehen bekommen, da kein heimischer Verein höher spielt als in der 4. Liga. Die Begeisterung für den schnellen Sport ist in München dennoch groß, rund 4500 Zuschauer lockte das ausgelagerte Spitzenspiel an, sie klatschten, trommelten und feierten immer wieder Boll mit „Timo! Timo!“-Sprechchören.
Werbung für den Sport machten die beiden Mannschaften dann tatsächlich, es wurde ein echter Tischtennis-Krimi geboten, fast vier Stunden lang. Die Entscheidung fiel erst im fünften Satz des fünften Spiels, nachdem das Düsseldorfer Doppel Kristian Karlsson/Anton Källberg (beide Schweden) zunächst zwei Matchbälle ausgelassen hatte und sich dann Ochsenhausens Simon Gauzy (Frankreich)/Stefan Fegerl (Österreich) geschlagen geben musste. Boll hatte zunächst im ersten Spiel Gauzy besiegt. Düsseldorfs Omar Assar (Ägypten) verlor im Anschluss gegen den Brasilianer Hugo Calderano, doch Karlsson brachte den Rekordmeister durch einen Fünfsatzsieg nach 0:2-Rückstand gegen Fegerl wieder in Führung. Somit bot sich Boll, Nr. 5 der Weltrangliste, die Chance, gegen Calderano, Nr. 6 der Welt, das Spiel vor dem finalen Doppel für Düsseldorf zu gewinnen. Beide Spieler schenkten sich nichts, es gab hochklassige Ballwechsel zu sehen, extrem angeschnittene Bälle und spektakuläre Reflexe. Das bessere Ende hatte aber Calderano für sich, er bezwang Boll in fünf Sätzen. Für den 37-Jährigen war es überhaupt erst die zweite Niederlage in dieser Saison. „Wir sind schon ein bisschen enttäuscht. Wir hatten gute Chancen, das Spiel zuzumachen“, ärgerte sich Boll.
Natürlich stellte sich die Frage, ob in einer so engen Partie letztlich nicht doch das abgegebene Heimrecht eine Rolle spielte. „Das weiß man nicht“, sagte Boll: „Gegen Ochsenhausen entscheidet immer ein bisschen die Tagesform. Es war schon ein neutraleres Publikum als in Düsseldorf. Es waren auch einige Fans aus Ochsenhausen da. Aber es war richtig, auch mal in die südliche Region zu gehen und das Ganze in einer größeren Arena auszutragen, um ein paar andere Zuschauer mitzunehmen. Es hat Spaß gemacht.“
Letztlich konnte sich Boll auch damit trösten, dass aus dem Erlös des Abends 10 000 Euro an den Verein „Kinderhilfe Organtransplantation“ gespendet wurden, für den er als Botschafter tätig ist. Sportlich ist die Niederlage durchaus wegzustecken, Düsseldorf wird wohl als Zweiter in die Playoffs einziehen, dort könnte es schon bald zum nächsten Duell mit Ochsenhausen um die Vorherrschaft im deutschen Tischtennis kommen. Dann werden die Düsseldorfer sicher nicht auf ihr Heimrecht verzichten.