Wer hinter das neue Springermärchen blicken wollte, der musste im Moment des Erfolges nur auf Karl Geiger schauen. Selten dürfte ein Mann frenetischer bejubelt haben, gerade geschlagen worden zu sein. Die Sache zeigte eindrucksvoll: Man hält zusammen, man gönnt sich von Herzen im deutschen Team. Dass das so ist – der neue Champion Markus Eisenbichler hat in der Vergangenheit schon selbst schöne Beispiele dafür geliefert. Vor einem Jahr bei den Olympischen Spielen war der Siegsdorfer in letzter Minute aus dem Aufgebot für den Mannschaftswettbewerb gestrichen worden. Und feierte das Silber der Kollegen mit einem unvergessenen Schuhplattler mit. Schöner Dreh, dass er nun gestern in Innsbruck auch noch die Mannschaft zu WM-Gold führen konnte.
Der Mann hat die vielen Rückschläge so beharrlich weggesteckt, die seine Karriere mit sich brachte. Der 27-Jährige mit dem so feinen Fluggefühl hat geduldig auf seine Chance gewartet – und nun hat er also entschlossen zugegriffen, als das Schicksal ihm am Bergisel die Hand reichte. Die Tage auf der Schanze, auf der er noch zu Jahresbeginn seine Chancen auf den ganz großen Coup bei der Vierschanzentournee verspielte, waren seine Tage. Und es war nur folgerichtig, dass er sie mit dieser Goldmedaille vollendet hat, mit der er sich nun einen Platz in den Geschichtsbüchern der Skispringer sicherte. Dass in seinem Sog in Zimmerkumpel Karl Geiger ein zweiter geduldiger Arbeiter zur Silbermedaille flog, macht dieses Märchen nur noch märchenhafter. Selten wird sich der scheidende Bundestrainer Werner Schuster lieber getäuscht haben. „Ich habe gelernt: Das Leben ist nicht gerecht“, hat der Österreicher in diesen Tagen gesagt. Es ist eine Erkenntnis dieses Wochenendes: Manchmal ist es das eben doch.
Und es ist eine spannende Frage, was dieser Erfolg denn nun bewirkt beim neuen Champion. Skispringen ist ein Sport, in dem der Kopf zu mindestens 50 Prozent über Erfolg und Misserfolg mit entscheidet. Alleine in Seefeld geht es in den nächsten Tagen noch zwei weitere Male um Springer-Edelmetall – auf der kleinen Schanze und im Mixed. Und im Anschluss geht auch der Weltcup noch für einige Wochen weiter. Dort wartet Markus Eisenbichler bekanntlich noch auf sein erstes großes Erfolgserlebnis. Es wäre gewiss keine Überraschung, wenn er das bald nachholen würde.
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