„An Medaillen zu denken, wäre absolut utopisch“

von Redaktion

Ex-Bundestrainer Behle über die deutschen Langläufer und Zweifel an Nachfolger Schlickenrieder

Seefeld – Er hat bei dieser WM die Seiten gewechselt. Für den Spartensender Eurosport beobachtet Jochen Behle die Langlaufszene. Und der frühere Bundestrainer fand in Seefeld das von ihm erwartete Bild vor, wie er im Interview erklärte.

Im deutschen Teamhotel Gourmet werden viele Medaillen gefeiert. Die Langläufer schauen zu – wie schwer ist das?

Daran haben sie sich ja schon ein bisschen gewöhnt, weil das in den letzten Jahren Standard war. Aber einfach ist das nicht, wenn nebenan gefeiert wird und du selber dem Erfolg nur hinterherläufst. Auch wenn es hier von vornherein klar war, dass nichts zu holen sein wird.

Bis jetzt hat man die Plätze fünf und sechs im Frauen-Sprint. Liegt das im Rahmen des zu Erwartenden?

Ja, muss ich sagen. Der fünfte Platz von Victoria Carl war richtig gut. Eines ihrer besten Resultate. Teamsprint als Sechste war auch okay. Die beiden waren nahe dran´, und es lag ausnahmsweise tatsächlich nicht am Sportler sondern am Material. Aber das ist dann halt Pech, das man akzeptieren muss. Wenn sie den Ski aus dem Halbfinale im Finale gehabt hätten, holen sie vielleicht eine Medaille. Überhaupt: Was die Frauen geboten haben, war okay. Die Männer lassen dagegen Wünsche offen.

Seefeld soll ja vor allem eine Perspektiv-WM sein. Gibt es diese Perspektive?

Schon, aber man muss akzeptieren, dass das eine Ausdauersportart ist, die man nicht in einem Jahr drehen kann. Das muss man langsam aufbauen. Und da muss man davon ausgehen, dass wir auch bei der WM 2021 in Oberstdorf mit den Namen leben müssen, die wir jetzt haben.

Sehen Sie jemanden, dem der Schritt nach vorne bis 2021 zuzutrauen ist?

An Medaillen zu denken, wäre absolut utopisch. Im Männerbereich zumindest. Janosch Brugger kann man vielleicht nennen, da haben wir einen, der für mich das Potenzial hat, mal wieder in die Top 10 zu laufen. Im Damenbereich sieht es ein bisschen besser aus. Da haben wir mit Katharina Henning und Victoria Carl schon zwei dabei, denen man zutrauen kann, ab und zu auch vorne reinzulaufen.

Fehlte die Struktur, um Nachfolger für ihre Generation um Tobi Angerer, Axel Teichmann & Co aufzubauen?

Ich glaube, dass in den letzten Jahren vor allem zu wenig Einigkeit da war, Das versucht der Peter Schlickenrieder jetzt ja wieder aufzubauen. Dass er eine Grundsatz-Trainingslinie von unten nach oben installiert. Zu meiner Zeit hat das gut funktioniert. Ich habe auch mal dazwischengehauen und gesagt, so machen wir das nicht. Das hat mich nicht unbedingt beliebt gemacht, aber es war meine Aufgabe. Danach kam die Zeit von Frank Ulrich. Da hat jeder gemacht, was er wollte. Es hat jeder trainiert, was er sich so gedacht hat. Teilweise sind Lehrgangsmaßnahmen nur von der Hälfte der Sportler besucht worden. Unglaublich. Da versucht der Peter Schlickenrieder jetzt gegenzusteuern.

Ist er der Stratege, den der Sport jetzt braucht?

Ich kenne ihn jetzt ja auch lange. Aber ehrlich – ich weiß nicht, ob er da der Richtige ist. Er ist sicher für das Verkaufen der Sportart, für die Motivation der Richtige. Ob er die Durchschlagskraft, die Härte und Konsequenz auch in der anderen Richtung hat, das muss sich zeigen. Da bin ich mir nicht so sicher, ehrlich gesagt.

Wobei er in seinem Rücken die Stars aus ihrer Trainerzeit hat, wie Axel Teichmann…

Der Peter hat generell auch ein anderes System. Ich hatte die Stützpunkttrainer und war der, der die Entscheidungen treffen musste. Er hat ja noch einen Damen- und einen Herrentrainer unter sich, die die Entscheidungen mit ihm treffen müssen. Aber mit den früheren Läufern zu arbeiten, das ist der absolut richtige Weg. So wie Axel, der das Athletiktraining macht. So einer sieht, welche Lücken es gibt, weil er selbst da war und weiß, was man braucht.

Aber wer kann für den Talentenachschub von unten sorgen?

Das wird definitiv schwierig werden. Weil wir haben eine Fleißdisziplin. Das größte Talent, was du haben kannst, ist Fleiß. Wir haben zu viele Funsportarten, die das lockere Drumrum darstellen. Das Angebot ist ein ganz anderes, als es vor ein paar Jahren war.Da geht es uns einfach zu gut.

Interview: Patrick Reichelt

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