München – Es gab Zeiten beim FC Bayern, da war es beinahe egal, wer im Mittelfeld agierte. Die Balance stimmte einfach, die zwischen defensiver Stabilität und offensiver Kreativität. In der Triple-Saison, die ja noch immer als das Nonplusultra herangezogen wird, war es am besten, natürlich. Aber auch in den Jahren danach funktionierte es noch sehr gut. In der vergangenen Saison geriet das System zum ersten Mal wieder etwas aus dem Gleichgewicht. Nach vorne hat alles gepasst, aber hinten kassierten die Bayern so viele Gegentore wie seit 2011 nicht mehr. Damals, unter Trainer Louis van Gaal. waren es 40 Treffer gewesen, das Aushilfs-Jahr von Jupp Heynckes beendeten die Münchner mit 28 Gegentoren. Und dieses Mal sind sie bereits nach 22 Spieltagen in der Bundesliga nicht mehr weit von dieser Marke entfernt. 26 Mal landete der Ball bereits im Netz. Mit den eigenen Treffer liegt der deutsche Rekordmeister noch halbwegs im Schnitt der vergangenen Jahre.
Wie die Auftritte in Liverpool und vier Tage später gegen Hertha BSC zeigten, haben die Bayern Schwierigkeiten, gleichzeitig hinten dicht zu machen und vorne für Gefahr zu sorgen. Die richtige Mischung scheint Trainer Niko Kovac noch nicht gefunden zu haben, womöglich kann er dies gar.nicht
Liegt der Fokus auf der Offensive, dann können Thiago, Leon Goretzka und James im Zentrum zwar für Kreativität sorgen, aber dann fehlt im Zentrum ein Abräumer, wie Javier Martinez einer ist. „Wenn Javi dort vor der Abwehr steht, wo ich ihn erwarte und wo ich ihn mir wünsche, dann ist das der Sechser, den wir brauchen“, gibt Kovac zu. Für Sportdirektor Hasan Salihamidziic war er zwar der „Spieler der Woche“, aber dass der Spanier das Zentrum verdichtet und gleichzeitig den Brecher im Angriff gibt wie beim 1.0 am Samstag, ist dann doch die Ausnahme.
Dass die Bayern im Sommer den verletzungsanfälligen Arturo Vidal nach Turin ziehen ließen, ist nachvollziehbar, aber der Chilene gehörte bei den Bayern zu der seltenen Spezies, der sowohl unangenehm für die Stürmer als auch für die Verteidiger des Gegners war. Corentin Tolisso könnte diese Rolle auch ausfüllen, aber er kuriert derzeit noch einen Kreuzbandriss aus.
Präsident Uli Hoeneß kündigte am Wochenende forsch an, auf dem Transfermarkt „im nächsten Jahr“ klotzen zu wollen, Die Bayern werden sich, versprach er im Sport1-Doppelpass, „einiges einfallen lassen“. Fix sind bisher nur die Verpflichtungen von Weltmeister Benjamin Pavard (VfB Stuttgart) und Talent Jann-Fiete Arp vom Hamburger SV. Luiz Hernandez von Atletico Madrid gilt als Wunschkandidat für die Innenverteidigung, denn in diesem Mannschaftsteil, so Hoeneß, werden die Bayern „sicher noch was machen“. Aber der Bayern-Präsident ist ganz zuversichtlich, dass es mit dem aktuelle Personal auch klappen könnte. „Vielleicht“, sagte er, „wird es ja noch eine sehr gute Saison.“