Seefeld – So eine Weltmeisterschaft ist nicht die Zeit, um unnütze Fragen zu stellen. Und so hat sich auch Katharina Althaus lieber keine Gedanken darüber gemacht, wo das Gold denn liegen geblieben sein könnte. „Ich habe keine Medaille verloren“, sagte die 22-Jährige, „ich habe eine gewonnen.“
Zweimal war die Allgäuerin in diesem Einzelwettbewerb weit hinunter geflogen (108/107 Meter). Weiter als alle anderen, die sich an diesem Tag an der Toni-Seelos-Schanze versucht hatten. Doch das Geschäft der Fliegerinnen hat seine eigene Gerechtigkeit. Und so stand am Ende eben doch die Frau ganz oben, die jeder dort auch erwartet hatte. Maren Lundby, die Ausnahme-Fliegerin aus Norwegen. Anders als bei ihrem Triumph bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang hatte die Frau aus Gjövik diesmal zwar vier Meter weniger als Althaus in die Ergebnislisten gebracht. Doch Windkompensation und Jury retteten ihr ein halbes Pünktchen ins Ziel. 25 Zentimeter also, die die beiden weltbesten Skispringerinnen dieser Tage trennten.
Doch während sich die Experten über die Jury ereiferten, nahm Althaus selbst die Sache locker. „Natürlich habe ich gehofft, dass es diesmal reichen könnte“, sagte sie, „aber ich werde meine Chance noch bekommen.“ Wird sie, wahrscheinlich 2021 schon. Dann werden die WM-Medaillen passenderweise ausgerechnet auf ihrer Heimanlage in Oberstdorf vergeben.
Viele haben ja ohnehin damit gerechnet, dass die Zeit des 1,55-Meter-Springflohs erst dann anbrechen wird. Doch vor allem in den beiden letzten Jahren hat Katharina Althaus die Weltspitze erobert. Und dies vor allem mit einer bemerkenswerten Konstanz. Drei Weltcups hat sie in diesem Winter für sich entschieden, nur zweimal stand sie am Ende nicht wenigstens in den Top-4. Bundestrainer-Dauerbrenner Andreas Bauer überrascht die Entwicklung der immer gut gelaunten Frau nicht, die er als „unseren Sonnenschein“ bezeichnet. „Katharina hat sich sportlich und auch als Persönlichkeit enorm weiterentwickelt“, sagte er.
Wobei der Frau, die in Oberstdorf mit ihrem Freund in einem gemeinsamen Domizil lebt, wohl vor allem eine von Bauers Ideen besonders gutgetan hat. Seit geraumer Zeit lässt der 55-Jährige seine Schützlinge immer wieder von einem Psychologen des Olympiastützpunktes in München betreuen. Althaus selbst hat festgestellt, „es gelingt mir immer besser, auf der Schanze ruhig zu bleiben“. Im Teamwettbewerb am Dienstag gab sie davon schon eine Kostprobe. Als das deutsche Quartett nach einem Patzer der erfahrenen Carina Vogt noch einmal in Bedrängnis geraten war, wischte sie eben mit einem 99,5-Meter-Flug alle Zweifel beiseite. Im Einzelwettbewerb glückte Katharina Althaus eine 107-Meter-Herausforderung, die Maren Lundby mit 104,5 Metern nur mit denkbar viel Mühe kontern konnte.
Und es ist ja gut möglich, dass es in Seefeld noch eine weitere Kostprobe der Fähigkeiten von der deutschen Vorfliegerin geben wird. An diesem Samstag steht bei der Weltmeisterschaft in Tirol mit dem Mixed ja noch ein letzter Wettbewerb auf der Schanze an. Wer mitmachen darf, darauf wollte sich Bauer fürs Erste natürlich noch nicht festlegen. Der Bundestrainer wird bis zum Wochenende die Aufstellung mit Männer-Kollege Werner Schuster debattieren. Doch es ist leicht zu erraten, dass die Weltcup-Zweite mit von der Partie sein darf. Und vielleicht kann Althaus ja dann auch das zweite Gold nachholen, das sie im Einzel verpasste: „Die Jungs sind auch gut drauf“, sagte sie, „Ich denke, unsere Chancen sind ziemlich gut.“