München – Der FC Bayern steht in Mönchengladbach vor einer anspruchsvollen Aufgabe. Wir sprachen mit Sportdirektor Max Eberl über den Aufschwung der Borussia, die Risiken des modernen Fußballs und sein spezielles Verhältnis zu den Bayern.
Herr Eberl, vor dem Hinspiel attestierten Sie den Bayern fehlende Leichtigkeit und fuhren danach mit einem 3:0-Sieg heim. Wie ist diesmal Ihr Gefühl?
Die Bayern haben in Liverpool herausragend verteidigt und dadurch ihre Chancen in der Champions League gewahrt. In der Bundesliga agieren sie zwar nicht ganz so souverän, gewinnen ihre Spiele aber dennoch. Die Bayern wissen einfach, wie sie mit solchen Situation umgehen müssen und werden auch am Samstag hochkonzentriert auftreten.
In der Hinrunde hatten Sie bereits davor gewarnt, Bayern abzuschreiben.
Ohne den US-Sport zu hoch hängen zu wollen, aber die Bayern kennen sich nun mal mit der Crunch Time (heiße Phase, d. Red.) aus. Sie machen es ja nicht umsonst schon jahrzehntelang auf allerhöchstem Niveau mit. Und jetzt ist es nun mal so, dass Dortmund etwas zu verlieren und Bayern etwas zu gewinnen hat. Bislang war es meistens umgekehrt, deswegen bin auch ich gespannt, was die nächsten Wochen über so passiert. Fakt ist aber: Borussia Mönchengladbach wird auf diesen Zweikampf wenig Rücksicht nehmen. Wir wollen für uns erfolgreich sein.
Der Trend ist nach zwei Heimpleiten in Folge nicht positiv. Konnte das Team nicht damit umgehen, plötzlich als Titelanwärter gehandelt zu werden?
Erst mal ist das ein Ritterschlag. Es bedeutet, dass man in Tabellenregionen steht, die für uns außergewöhnlich sind. Dass so etwas die Mannschaft kalt lässt, ist natürlich auszuschließen. Dass gegen die Hertha daher vielleicht die Leichtigkeit gefehlt hat, auch. Dennoch können wir das alles sehr realistisch einschätzen. Wenn sich eine außergewöhnliche Chance ergibt, werden wir versuchen, sie zu nutzen. Jetzt müssen wir kämpfen, um uns unsere Wünsche von Europa zu erfüllen.
An der Tabellenspitze ist es spannend wie lange nicht. Hat die Bundesliga das gebraucht?
Vereine wie Leipzig, Frankfurt oder wir haben in den vergangenen Jahren gute Arbeit geleistet. Bayern wiederum hat dieses Jahr stärkere Schwankungen drin als die Jahre zuvor. Und: Der Mut der Liga gegenüber Bayern ist endlich ein anderer! Gott sei Dank versucht mittlerweile jede Mannschaft, Bayern in jedem Spiel zu ärgern. All das hat dazu geführt, dass es jedes Wochenende spannend ist. Das tut der Bundesliga gut. Ob am Ende wieder Bayern Meister wird, kann ich nicht sagen – mittlerweile lässt es sich auch nicht mehr ausschließen. Der Bundesliga täte es gut, wenn Dortmund das Rennen macht, aber allein die Saison zeigt schon, dass man den Bayern mit guter Arbeit Paroli bieten kann.
Die lassen sich das nicht bieten und machen im Sommer über 200 Millionen Euro für Stars locker.
Und warum? Weil sie es können! Schöpft Bayern seine finanziellen Möglichkeiten aus, kann ihnen keine andere deutsche Mannschaft die Stirn bieten. Ausgehend von den nackten Zahlen müssen sie daher auch jedes Jahr Meister werden, aber im Sport geschehen immer wieder unvorhersehbare Dinge. Bayern kann mal ein schwaches Jahr erwischen, andere Mannschaften ein starkes – und schon ist es wieder spannend. Das ist ja das Schöne am Sport.
Befindet sich der Fußball angesichts aberwitziger Transfersummen, Plänen über eine Super League und der Champions League im Pay-TV noch auf dem richtigen Weg?
Der Volkssport Fußball muss begreifbar bleiben und dazu müssen wir alle unseren Teil beitragen – auch wenn die Übertragung der Königsklasse im Pay-TV kein Merkmal mehr dafür ist, dass sich der Fußball von der Basis distanziert. Das ist mir zu einfach. Dass sehr viel Geld im Spiel ist, stimmt. Dass wir mittlerweile mit absurden Ablösesummen und Gehältern konfrontiert werden, stimmt auch. Dass wir es mit irrationalen Ideen wie der von der Super League zu tun bekommen, stimmt ebenso. Davon müssen wir uns aber alle klar distanzieren, wenn wir den Volkssport Fußball so erhalten wollen.
Der Gladbacher Weg ist jedenfalls bodenständig.
Wir haben natürlich auch unser Budget gesteigert, mal in Europa spielen dürfen und uns wieder in spannenden Tabellenregionen etabliert. Gleichzeitig muss man sich aber auch unsere Transferbilanz des vergangenen Sommers vor Augen führen: Wir haben 35 Millionen eingenommen und 35 Millionen ausgegeben. Wir können nur mit dem Geld hantieren, das wir einnehmen – sei es durch sportlichen Erfolg oder Transfererlöse. Transfererlöse bedeuten aber gleichzeitig, dass wir einen guten Spieler verlieren und ersetzen müssen, um stark zu bleiben. Diesen Weg der jungen Spieler werden wir aber weitergehen müssen, da gibt es keine Alternative. Wir müssen junge Spieler finden, die wir erst entwickeln müssen, um mit ihnen erfolgreich sein zu können – bei denen allerdings auch die Gefahr besteht, dass die Top Ten Europas sie uns wegkauft. Das ist unser Los.
Klingt nach Hamsterrad.
Ober sticht Unter! So ist es beim Schafkopf und beim Fußball auch.
Ihr Vertrag läuft bis 2022. Liebäugeln Sie mit neuen Aufgaben?
Ich bin seit zehn Jahren Sportdirektor und seit über 20 im Verein. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich hier in 20 Jahren in Rente gehe, ist eher gering. Es ist durchaus möglich, dass ich irgendwann mal einen neuen Schritt gehe, aber das ist alles hypothetisch. Aktuelle Gedanken sind das nicht.
Jüngst kamen wieder Gerüchte über ein Engagement bei Bayern auf, worauf Uli Hoeneß meinte, dass Sie in Bayerns Überlegungen „überhaupt keine Rolle“ spielen.
Dem gibt es nichts hinzuzufügen. Uli Hoeneß hat das gesagt, und mich hat niemand gefragt. Das sind zwei Fakten, die härter nicht sein können.
Sie sind weiter regelmäßig in Kontakt mit Hoeneß?
Tatsächlich ist es so, dass ich Uli Hoeneß – so wie es sich gehört – zum Geburtstag gratuliere und er einer der Menschen ist, die ich anrufe, wenn ich den Rat eines Top-Managers benötige. Man müsste mich ja bestrafen, wenn ich es nicht täte.
Ist Bayern ein Club, bei dem sie schwach würden?
Bayern München ist mein Jugendverein. Ich bin 13 Jahre dort gewesen und meine Ausbildung zum Mensch und zur Persönlichkeit habe ich neben meinen Eltern vor allem diesem Club zu verdanken. Es ist ein Verein meines Herzens. Mittlerweile bin ich aber auch zwanzig Jahre in Gladbach. Daran sieht man, dass ich schon einer bin, der Vereinstreue lebt.
Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge bereiten ihren Rückzug vor. Ist Bayern ohne sie überhaupt vorstellbar?
Der FC Bayern ist ihr Lebenswerk. Wenn sie eines Tages nicht mehr an der Kommandobrücke stehen, wird der FC Bayern anders sein. Hoffentlich wird Bayern nicht zum zweiten Manchester United, das ist das mahnende Beispiel. Sir Alex Ferguson hat den Klub 25 Jahre lang an die Weltspitze geführt – und dann geht innerhalb von drei Jahren alles verloren, was dieser Klub je verkörpert hat. Das werden Hoeneß und Rummenigge unter allen Umständen verhindern wollen – auch wenn es nicht so leicht sein wird, da sie zwei prägende Persönlichkeiten sind. Für alle, die nachkommen, werden es verdammt große Fußstapfen sein. Ich glaube aber, dass man nicht versuchen sollte, diese auszufüllen, sondern eigene zu hinterlassen. Das ist schon kompliziert genug.
Das Gespräch führte José Carlos Menzel López