„Als Arrivierter wird man schwierig“

von Redaktion

Ex-Skispringer Dieter Thoma über Trainerleistung, Wellingers Probleme und Schusters Erbe

Seefeld – Für Dieter Thoma ist die WM bereits seit Mittwoch wieder beendet. Nach dem Abschied der ARD aus Seefeld trat auch der Skisprung-Experte die Heimreise an. Was er in Tirol an den Schanzen erlebte, hatte indes auch ihn völlig überrascht.

Sie erleben das letzte WM-Wochenende von zuhause mit. Vermissen sie Seefeld schon?

Ich versuche den Blick, ja immer im Jetzt und nach vorne zu richten und befasse mich eher mit dem, was möglich ist. Die WM ist von verschiedenen Blickwinkeln, auch von Zuhause aus, sehr interessant. Man hofft ja immer, dass die Sportler ihre Qualitäten, ihre erlernten Fähigkeiten im Wettkampf zeigen, aber was da in Innsbruck passiert ist, war in der überragenden Form schon sehr überraschend.

Bis zur Generalprobe in Willingen hatte nicht viel darauf hingedeutet.

Wenn man sieht, was da passiert ist: Die Verletzung von David Siegel in Zakopane, dann ist leider noch der Vater eines Teammitglieds im Umfeld gestorben. Das hat das Team emotional schon sehr belastet aber gezeigt wie emphatisch sie zusammen stehen. Aus einer solchen vermeintlichen Schwäche herauszukommen, das bedarf einer unglaublichen Team- und Trainerleistung.

Wie muss man sich diese Trainerleistung vorstellen?

Das sind viele Faktoren. Du hast vorne dran mit Werner Schuster den Mann für die Gesamtverantwortung, der die richtungsweisenden Entscheidungen treffen muss. Ich kann mich in den letzten elf Jahren an nur sehr wenige Entscheidungen erinnern, bei denen man sich nachher gedacht hat – hier hätte er vielleicht anders entscheiden können. Der Werner hat Weitsicht, das zeichnet ihn aus.

Und er hat ein funktionierendes Team hinter sich…

Genau. Roar Ljoekelsoey zum Beispiel ist der letzte Mann, der mit Eisenbichler gesprochen hat, bevor er zu WM Gold auf die Schanze gegangen ist. Er hat ihm gesagt: ‘Besinne Dich auf deine Stärken’. Das klingt banal, aber diese letzten Worte bleiben einem Athleten im Kopf, die legt er auf die Goldwaage. Positiv an die Stärken erinnern und nicht auf Fehler hinweisen die vermieden werden sollen, denn sonst denkst du genau an das was du nicht tun sollst. Jens Deimel hat ein gutes Auge für die Sprünge und kann schnell Rückmeldungen geben. Er verkörpert eher den ruhigen und coolen Gleichgesinnten. Christian Winkler, der nicht so oft im Weltcup dabei ist, aber das extrem wichtige Heim- und Extratraining meist in Oberstdorf macht, ist so etwas wie das Wikipedia der Technik. Am Ende ist es dann von Sportler zu Sportler unterschiedlich, womit er am besten zurechtkommt, denn es gibt auch Heimtrainer, Freunde, Familie und Bekannte, die Einfluss ´nehmen.

Sind Sportler komplizert?

Auch das hängt von den Wurzeln, der Erziehung und der Menge an unterschiedlichen Erfahrung jedes Einzelnen ab. Je mehr Erfahrungen ein Sportler hat, also auch älter wird, desto schwieriger kann es als neuer Trainer werden an die Athleten heran zu kommen. Junge Sportler sind dankbar für jeden Hinweis, hören zu, sind offen und kooperativ.. Als Arrivierter wird man schwieriger, weil man seinen roten Faden über Jahre aufgebaut hat. Das war bei mir ja nicht anders. Selbst habe ich das zwar nicht so gesehen, dass ich schwierig war. Im Nachhinein weiß ich es besser, man bekommt einen anderen Blick, reflektiert übersichtlicher. Gespürt habe ich das nach der „V“-Stil Umstellung. Von da an habe ich gemerkt, das alte Dinge nicht der Ewigkeit dienen.

Das deutsche Team scheint zu funktionieren. Hier in Seefeld hat sich die Mannschaft geschlossen präsentiert. Auch Andreas Wellinger, bei dem es sportlich nicht klappte.

Ja, und ihm ist das wirklich nicht leichtgefallen. Der Junge ist 23, hat schon viel positives erlebt und muss sich jetzt wieder hinten anstellen. Er hat noch nicht die Weitsicht um das große ganze Bild zu sehen. Ich habe ihm gesagt: Erinnere Dich an letztes Jahr, wie schön das war. Verstecke dich nicht, gehe nicht auf dein Zimmer. Die anderen ziehen dich mit und irgendwann bist du es dann wieder, der da vorne steht. Der Sport ist wichtig, aber das Leben findet später statt.

Nun folgt ein Umbruch. Werner Schuster hört auf. Wartet hier ein Problem?

Ach, es ist so wie es ist. Und ein neuer Trainer kann ja auch eine Chance sein. Er bringt neuen Wind, neue Ideen. Es ist auch nicht gut, wenn alles über Jahre gleich bleibt. Die Wurzeln sind bei uns tief gegraben, auch eine neue Generation klopft schon an. Wer auch immer der neue Trainer wird: Er bekommt ein standhaftes Team und sehr gute Strukturen.

Aber die Erfolge wie bei dieser WM werden schwer zu toppen sein.

Wir sind momentan auf einem sehr hohen Leistungsstand. Was bei der WM passiert ist, ist unglaublich positiv. Aber es ist ja nicht so, dass es keine Ziele mehr gibt. Zunächst ist jede Leistung jedes mal neu zu erarbeiten. Dazu muss man immer hungrig bleiben, nie aufgeben und sich nicht im Erfolg zurücklegen. Da ist z.B. die Vierschanzentournee schon lange nicht mehr gewonnen worden. Das ist natürlich nicht leicht, keine Frage. Aber da ist noch eine Rechnung offen.

Interview: Patrick Reichelt

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