von Redaktion

VON ARMIN GIBIS

München – Die erste Bahnbesichtigung vor dem großen Sieg war nicht gerade ermutigend. Stefan Gaisreiter erinnert sich noch mit leichtem Schaudern daran. Im Eiskanal war ein Viererbob zu hören, der sich mit Getöse der Zick-Zack-Kurve von Lake Placid näherte. „Plötzlich tut’s einen Schepperer, dann fliegen von einem Baum lauter Fetzen runter.“ Es waren die Überreste eines Sturzhelms, der einem Amerikaner durch die Wucht des Aufpralls an der Eiswand vom Kopf geflogen war. „Wir haben uns bloß angeschaut und sind wortlos weitergegangen“, erzählt Gaisreiter, „das war unser erster Eindruck der Bobbahn von Lake Placid.“ Der zweite war nicht viel besser. Ein Stück weiter oben krachte es wieder. Ein Viererbob havarierte. Der erste Gedanke: „Oh, jetzt hat’s ihm was weggerissen.“ Und in der Tat: „Die Hinterachse steckte in der Kurve drin.“ Gaisreiter: „Auf der unebenen Bahn hat der Bob mit den Kufen ins Eis eingestochen, so dass die Schraubenbolzen abbrachen und sich die Stange in die Bahn bohrte.“

Diese eher abschreckenden Impressionen haben die vier Männer vom SV Ohlstadt gut weggesteckt. „Man hat so etwas schon im Hinterkopf“, erzählt Pilot Wolfgang Zimmerer, „aber wir waren so begeistert von unserem Sport, wir waren so fanatisch, dass wir uns gesagt haben: Des pack’ ma scho.“ Und wie. Das oberbayerische Quartett raste anno 1969 zu WM-Gold. Peter Utzschneider meint 50 Jahr später: „Unsere Erfolge bleiben immer im Herzen.“

Die Bobfahrer aus Ohlstadt waren damals vor einem halben Jahrhundert in der Bundesrepublik fast so etwas wie die rasenden Helden der Nation. Der deutsche Wintersport hatte noch nicht so viel zu bieten, Medaillengewinner waren rar, und wenn man bedenkt, wie alles anfing für Zimmerer, Utzschneider, Gaisreiter und dem vierten Mann, dem schon 1991 verstorbenen Walter Steinbauer, so kommt einem die Geschichte doch wie ein Sportmärchen aus dem oberbayerischen Idyll vor.

Als Buben erprobten sich die späteren Bobfahrer auf Holzgefährten, rauschten im Winter am Ohlstädter Hausberg, dem Heimgarten, die Hohlwege hinunter, auf denen die Bauern auf Pferdefuhrwerken Holzstämme transportierten. Das Idol im Dorf war der Bobfahrer Franz Schelle. Schon in den 50er Jahren holte der Ohlstädter den bayerischen Meistertitel, 1962 fuhr er sogar zum WM-Titel. „Der Schelle war unsere Symbolfigur. Das hat uns einen großen Impuls gegeben“, erzählt Gaisreiter.

Endgültig zum Bobdorf wurde Ohlstadt mit dem Bau einer Natureisbahn. Aus einem See wurden Eisschollen herbeigeschafft, Eismaurer aus Garmisch bauten den Rennkanal. 800 Meter war die Bahn lang, auf der Geschwindigkeiten von bis zu 100 km/h erreicht werden konnten. „Der Zusammenhalt im Ort war sehr groß. Die Leute haben für eine Brotzeit mitgeholfen“, schildert Utzschneider die Gemeinschaftsaktion. Um Werbeeinnahmen zu erzielen, wurden die Namen der Kurven verkauft. Somit gab es eine Brauhaus-Garmisch-Kurve, eine Sechsämter-Kurve, eine Pfanni- und Dr. Oetker-Kurve.

Bobfahren war damals noch eine riskante Angelegenheit. „In den Anfangszeiten waren alle Bahnen gefährlich“, sagt Utzschneider. 1966 verunglückte der Ohlstädter Toni Pensperger, ein Schulkamerad von Zimmerer, bei der WM in Cortina tödlich. In den Familien, im Freundeskreis habe es daraufhin geheißen: „Hört’s gleich wieder auf damit, das ist viel zu gefährlich“, erinnert sich Utzschneider.

Doch die vier Draufgänger machten weiter. Schon 1968 wurden Zimmerer/Utzschneider – in einem vom Dorfschmied Mangold gefertigten Bob – Zweier-Europameister, der Auftakt großer Ohlstädter Bobzeiten. Höhepunkt waren Gold und Bronze bei Olympia 1972 in Sapporo. Zum Empfang im 2500-Einwohner-Dorf Ohlstadt kamen 6000 Gratulanten. „Es herrschte eine riesige Euphorie“, erzählt Zimmerer.

Dabei war Bob damals immer noch Amateursport. Die Weltmeister aus Ohlstadt gingen alle Berufen nach. Zimmerer arbeitete im Betrieb der Familie (Bäckerei, Lebensmittel), Gaisreiter war Installateur, Utzschneider gelernter Elektromaschinenbauer, Steinbauer war in einer Metzgerei beschäftigt. „Es war sehr schwierig, einen Arbeitgeber zu finden, der einen im Winter die Freizeit für den Sport genehmigte“, sagt Zimmerer. Für Utzschneider wirkte sich der sportliche Erfolg beruflich sogar extrem nachteilig aus: „Ich bin arbeitslos geworden, weil ich Olympiasieger geworden bin.“ Der Bremser, der auch als Techniktüftler galt (Gaisreiter: „Ein Genie am Bob“), arbeitete bei einer Firma für Skibindungen. Als die Umsätze im Olympiawinter ’72 zurückgingen, „war ich der Erste, der sein Packerl hat packen müssen“.

Eine zweite Bobkarriere startete Stefan Gaisreiter. 1974 gründete er als Pilot einen eigenen Bob und errang 1979 sogar noch WM-Gold im Vierer. Es war der Schlusspunkt dieser glorreichen Ära. Allzu viel scheint davon allerdings nicht übrig geblieben zu sein. „Der Prophet im eigenen Dorf ist nix wert“, sagt Utzschneider mit leichter Bitterkeit. „Je länger das alles her ist, desto weniger denken daran.“ Vor einigen Jahren gab es sogar einen Gemeinderatsbeschluss, wonach das Schild am Ortseingang „Bobdorf Ohlstadt“ abmontiert hätte werden sollen. Utzschneider: „Das war sehr frustrierend.“ Zusammen mit Gaisreiter startete er daraufhin eine Unterschriftenaktion, damit die Ortstafel stehen bleiben darf. Die Resonanz war pro Bobvergangenheit. Gaisreiter: „Wir konnten das abbiegen.“ Die Ohlstädter Bobfreunde hatten noch einmal einen Sieg errungen.

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