„Der kann es noch retten, wenn es brennt“

von Redaktion

Niklas Süle über Defensivtugenden, steigende Transfersummen und ein Zwicken im Knie

München – Es hat in der Innenverteidigung des FC Bayern diese Saison schon einige Wechsel gegeben, aber Niklas Süle war davon selten betroffen. Der 23-jährige Hüne gilt als zentraler Abwehrspieler Nummer eins bei Niko Kovac und zeigte schon häufig, warum das so ist. In Mönchengladbach haben Süle & Co. am samstag eine schwierige Aufgabe vor sich.

Herr Süle, das Topspiel in Gladbach steht an. Die 0:3-Heimpleite war mit eines der schlechtesten Spiele der Saison.

Ich fand gar nicht, dass es unser schlechtestes Spiel war. Wir hatten die Gladbacher in den ersten 20 Minuten am eigenen Sechzehner festgezurrt. Die wussten in dem Moment gar nicht, was gerade abgeht. Dann machen wir zwei individuelle Fehler – einer ging auf meine Kappe – und kassieren zwei Tore. Dann wussten wir nicht mehr, was abgeht.

Mittlerweile ist der FC Bayern in der Tabelle wieder vor Gladbach.

Dass Gladbach eine super Mannschaft hat, haben sie diese Saison ohnehin wieder bewiesen. Sie haben wieder viele junge Spieler im Team und spielen trotzdem konstant. In Gladbach ist es immer schwer, und deswegen wird es eine ganz harte Aufgabe. Wir müssen das Spiel auf unsere Seite ziehen und brauchen dafür viel Ballbesitz – dann sind wir immer gefährlich. Wichtig ist, dass wir wieder zu null spielen und defensiv zusammen agieren.

Die Vorbereitung war wegen krankheitsbedingter Ausfälle nicht einfach.

Ich hatte da wohl einfach Glück. Aber ich fühle mich wirklich gut. Es ist ohnehin erstaunlich, dass ich trotz der großen Belastung mein Knie selten spüre.

Wegen Ihres Kreuzbandrisses vor fünf Jahren?

Ja! Wenn zum Beispiel das Wetter umschlägt, zwickt es. Das merke ich vor allem, wenn es kalt ist. Aber rein beim Fußballspielen habe ich keinerlei Probleme, und das spricht ja auch für die medizinische Abteilung hier.

Sie sind nun seit knapp zwei Jahren beim FC Bayern. Wie haben Sie sich als Persönlichkeit verändert?

Wenn Hoffenheim zu meiner Zeit fünf Spiele am Stück nicht gewinnen konnte, war es im Umfeld trotzdem sehr ruhig. Und wenn du hier beim FCB einmal Remis spielst, ist der Druck für das nächste Spiel schon wieder enorm. Daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Die ersten paar Monate sind mir nicht gerade leicht gefallen.

Wegen des Drucks?

Nicht nur. Vom Trainingsniveau, der Aufmerksamkeit der Medien und der Fans her ebenfalls. Da habe ich aufgrund meiner offenen Art aber schnell rein gefunden. Ich hatte schnell Zugriff auf die Mannschaft, kannte viele Mitspieler ja schon von der Nationalmannschaft.

Verändert der FC Bayern einen?

Ich weiß nicht, ob Bayern jemanden wirklich verändert. Auf jeden Fall ist der Verein von jedem Spieler ein großer Teil seines Lebens, weil du viel Zeit mit den Jungs oder hier an der Säbener Straße verbringst. Dann kommen die vielen Spiele und Auswärtsfahrten dazu. Klar geht man ab einem gewissen Zeitpunkt mit gewissen Dingen anders um. Aber wenn man als Typ zu Bayern wechselt, sollte man schon so bleiben, wie man davor war. Wenn du selbstbewusst warst, darfst du nicht plötzlich sagen: Hey, jetzt bin ich ein kleiner Fisch. Und in die andere Richtung ist es genau das gleiche.

Apropos verändern: Auf dem Transfermarkt haben sich auch die Preise für Abwehrspieler geändert. Van Dijk kostete knapp 80 Mio. Uli Hoeneß wäre bereit, für Lucas Hernandez eine ähnliche Summe zu zahlen. Wie nehmen Sie diese Entwicklung wahr?

Die Innenverteidiger-Position ist sehr wichtig. Da fängt das Offensivspiel ein Stück weit an und du bist der letzte, der eventuell etwas machen kann, um ein Tor zu verhindern. Daher ist es meiner Meinung nach berechtigt, dass die Ablöse für Abwehrspieler nach oben geht.

Also eine Wertschätzung für Verteidiger, dass sie ähnlich teuer sind wie Offensiv-Stars?

In gewisser Weise. Es ist ja so: Wenn du als Stürmer 90 Minuten nicht zu sehen bist und in der 91. das Siegtor machst, wirst du von Fans und Medien gefeiert. Beim Abwehrspieler ist es genau anders: Wenn du 90 Minuten ein Top-Spiel machst, dir dann ein Bock unterläuft und ein Tor fällt, bist du der Depp. So ist die Außenwahrnehmung. Aber die Position konnte man sich am Anfang aussuchen – also wusste man, worauf man sich einlässt.

Aber?

Es ist egal, welche Summen für welche Positionen im Fußball ausgegeben werden – es ist ohnehin viel zu viel! Das hat sich aber im ganzen Sport so entwickelt, und man wird es auch nicht mehr stoppen können. Wenn ich lese, dass ein Baseball-Spieler in den USA 265 Millionen Euro auf zehn Jahre verdienen soll, das ist Wahnsinn. Dort feiern die Leute solche Mega-Deals aber. Im Fußball muss man die Preis-Explosion halt mitgehen und hoffen, dass es sich nicht irgendwann rächt.

Haben Sie sich gegen Liverpool speziell auf die Angriffsreihe vorbereitet, vielleicht mehr Videos der Gegenspieler geschaut?

Ich habe mir noch nie ein Video von einem Gegenspieler explizit angeschaut. Klar schaue ich Spiele von künftigen Gegnern. Man muss doch kein großer Fußball-Freak sein, um zu wissen, dass die drei da vorne bei Liverpool überragend sind. Darum wusste ich schon, was auf uns zukommt. In dem Spiel mussten wir beispielsweise gar nicht so viel machen, außer die Außenverteidiger flach zu lassen. Die Leute vor uns haben so viel weggearbeitet. So muss das in diesen Spielen sein.

Und wie muss es beim Rückspiel sein?

Ich bin mir sicher, dass wir vor unseren Fans auch mehr Kontrolle nach vorne haben werden. An diesem Tag müssen wir aber taktisch gesehen von der Defensive her genau so auftreten wie im Hinspiel. Sonst kriegst du gegen diese Mannschaft auch mal schnell zwei, drei Dinger. Das hat man in Liverpool ja auch gesehen: Klar haben sie bei zwei, drei Chancen etwas Glück gehabt. Aber sie hatten auch einige Großchancen, die hatten sie super heraus gespielt – und das können sie auswärts auch machen.

Seitdem Sie in München sind, ist das Wort Umbruch allgegenwärtig. Wie sehen Sie Ihre Rolle, wenn einer der beiden Weltmeister-Innenverteidiger den Verein am Saisonende vielleicht verlässt?

Ich bin kein Lautsprecher. Ich will einfach, dass meine Mitspieler sehen: Mit dem Süle haben wir einen, der kann es noch retten, wenn es brennt. Der gewinnt auch mal ein Eins-gegen-Eins-Duell, wenn die Chancen 50:50 sind. So kannst du deine Mitspieler ins Boot holen, dass sie Vertrauen in dich haben. Das ist mein Ding, weil ich in der Defensive meine größten Stärken habe. Unabhängig davon, wer kommt oder geht: Ich versuche, Monat für Monat mehr Verantwortung zu übernehmen – ich werde ja auch älter und erfahrener. Ich glaube, dass ich das auf dem Platz schon ganz gut mache. Und neben dem Platz haben wir so viele erfahrene, geile Typen.

Niko Kovac hat Sie in Hoffenheim zum Innenverteidiger Nummer eins erklärt. Das Thema ist Ihnen bekanntlich unangenehm – warum eigentlich?

Niko Kovac hat diese Aussage vor dem Hoffenheim-Spiel getroffen. Danach hatte ich zwei, drei Spiele, in denen ich den einen oder anderen Fehler gemacht habe. Da kann es auch mal schnell sein, dass er mich raus nimmt. Es kann hier bei Bayern so schnell gehen, weil wir eben auf dieser Position drei Nationalspieler haben. Beide sind 2014 Weltmeister geworden. Darum finde ich es nie richtig zu sagen: Schaut her, ich bin die Nummer eins. Ich bin der Meinung, dass ich hier nicht unumstritten bin. Das ist vielleicht Manuel Neuer, aber sonst niemand.

Interview: Manuel Bonke

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