Vorbei, die wilde Studentenzeit

von Redaktion

Bierofka hat seine letzte Prüfung hinter sich und kann sich nun ganz auf 1860 konzentrieren

VON ULI KELLNER

München – Der Erleichterung, dass alles vorbei ist, folgte die überfällige Verwandlung. Mittwochnacht, nach seiner letzten Prüfung in Hennef, ist Daniel Bierofka als abgekämpfter Absolvent der Hennes-Weisweiler-Akademie daheim in Obermenzing eingetroffen. Donnerstagfrüh, nach erneut viel zu wenig Schlaf, steuerte es als Erstes den Friseursalon seines Vertrauens an. „Das war das Wichtigste“, berichtete er lachend: „Mein erster Haarschnitt nach acht Wochen. Ich musste mich erst salonfähig machen.“ Auch der Vollbart kam beim Pressetalk am Freitag sehr gepflegt daher.

Vorbei die wilden Zeiten zwischen Schulbank und ICE-Bahnhöfen, die vielen Wochen, in denen der 1860-Coach seine Mannschaft nur sporadisch betreuen konnte. Und auch die Lieben daheim dürften aufatmen, dass Studentenlook und Tunnelblick des Familienoberhaupts Geschichte sind. Ehefrau Nicole und die Kinder Zoe und David kamen am Abend auf ihre Kosten: „Da sind wir gemeinsam zum Essen gegangen – zum Griechen um die Ecke.“ Spätestens da hatte sich der geschlauchte Prüfling in den entspannten Familien-Daniel zurückverwandelt. Noch einmal ließ Bierofka seinen Höllenritt Revue passieren. „Es war eine extreme Zeit, auch für meine Frau“, sagte er: „Sie war ja im Prinzip zehn Monate lang alleinerziehend.“

Streng genommen gilt das auch für seinen Trainerstab. Auch der ist mehr als die halbe Saison alleinerziehend unterwegs gewesen: Co-Trainer Oliver Beer, Bierofkas rechte Hand. Und Sportchef Günther Gorenzel, der Teilzeitübungsleiter. Bierofka ist erleichtert, dass das Jobsharing so reibungslos geklappt hat. Er hofft jetzt, dass es sich gelohnt hat – und er mit einem passablen Abschlusszeugnis zurückzahlen kann. „Es ist ganz gut gelaufen“, sagte er: „Ich denke, dass es eine gute Note wird.“ Wenn nicht, würde seine Welt aber auch nicht untergehen: „Entscheidend für mich ist, dass ich’s geschafft habe.“ Und dass er ab sofort wieder ganz für seine Löwen da sein kann.

Denn auch bei 1860 warten große Herausforderungen. Am Sonntag stellt sich Hansa Rostock im Grünwalder Stadion vor – eine Mannschaft, vor der Bierofka Respekt hat. Aber auch nicht so viel, dass er sich nicht trauen würde, ein seltenes Kunststück – den dritten Sieg in Folge – anzupeilen. „Wir werden es versuchen“, sagt er: „Rostock ist eine Mannschaft mit hoher Qualität. Wir wissen, was auf uns zukommt – aber wir haben auch Selbstvertrauen.“

Das rührt daher, dass sich seine Löwen zuletzt als robuste Kämpfertruppe präsentiert haben, die widrigen Plätzen ebenso trotzte wie Pech mit Sperren oder Verletzungen: „Momentan ist es von der Einstellung her wirklich sehr gut“, schwärmt Bierofka. Und was ihn genauso freut: Nach den vielen späten Gegentoren in der Hinrunde sind derzeit späte Löwen-Treffer ein Markenzeichen: zwei gegen Aalen, eins gegen Cottbus. „Da merkt man, dass wir richtig viel Stoff im Tank haben. Dass wir ordentlich marschieren können.“

Ganz wie der Trainer. Bierofkas Erkenntnis aus seiner Studentenzeit: „Ich weiß jetzt, dass ich wirklich belastbar bin. Meine Grenze, was Stressmanagement betrifft, hat sich noch mal verschoben.“ Kann nie schaden bei 1860, denn zumindest er selbst rechnet weiterhin mit zähen Wochen im Abstiegskampf: „Ich schaue immer noch zuerst nach unten. Hinter uns ist es relativ eng. Ich denke, dass man 44, 45 Punkte brauchen wird. Jeden Gedanken, der mich dazu treibt, nach oben zu schauen, den lasse ich gleich weg. Das macht einfach keinen Sinn.“

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