Der Fall Dürr

Die (Un-)Logik des Dopings

von Redaktion

ARMIN GIBIS

Wolfgang Pichler fehlt die Vorstellungskraft für ein potenzielles Desaster. Doping bei der aktuellen Biathlon-WM? Der aus Ruhpolding stammende Trainer argumentiert da mit dem durchschnittlichen Intelligenzquotienten eines Wintersportlers. „So dumm kann keiner sein“, sagt er. Doch Pichler lässt da außer Acht, dass sich Sportbetrug nicht unbedingt auf der Basis logisch erklärbarer Verhaltensweisen abspielt. Das beste Beispiel lieferte dieser Tage der österreichische Skilangläufer Johannes Dürr.

Der 31-Jährige war schon 2014 bei den Olympischen Spielen in Sotschi einschlägig auffällig geworden. Dem EPO-Gauner aus Göstling an der Ybbs wurden zwei Jahre Sperre aufgebrummt. Doch jeder Sünder, so der landläufige Konsens, verdient auch eine zweite Chance. Dürr schien sie nutzen zu wollen, indem in einer Dokumentation der ARD als Kronzeuge auftrat, dabei tiefe Einblicke in den Doping-Sumpf gab und die Staatsanwaltschaft für ihre spektakuläre Operation Aderlass munitionierte. Was der „Hanni“, wie ihn seine Freunde nennen, leider verschwieg: Er dopte gleichzeitig weiter. Der Niederösterreicher führte also ein bizarres Doppelleben – als aufsehenerregender Whistleblower und heimlicher Blutpanscher.

Dürr mag tatsächlich ein verwirrter Einzelgänger sein. Doch zugleich ist dieser Fall ganz offensichtlich symptomatisch für eine Sportszene, in der aufgrund grassierender Skrupellosigkeit so ziemlich alles denkbar erscheint – auch jenseits des gesunden Menschenverstandes. Und allein schon vor diesem Hintergrund muss man sich auch nicht groß wundern, dass die aktuellen Biathlon-Titelkämpfe in Östersund mit massiver Skepsis betrachtet werden.

Sicher, es wäre nicht fair, die Empörung über den Seefelder Skandal automatisch auf den Biathlonsport zu übertragen. Und man kann die Athleten gut verstehen, die sich darüber beklagen, ohne jeden Beweis unter Generalverdacht gestellt zu werden. Nur hat auch die Glaubwürdigkeit der Skijäger in der jüngeren Vergangenheit schwer gelitten. Nicht nur, dass – vornehmlich von russischer Seite – massiv gedopt wurde. Übeltäter wurden erst vor einem Jahr sogar in der Chefetage des Weltverbandes IBU ausfindig gemacht. Präsident Besseberg und seiner Generalsekretärin wird Korruption vorgeworfen. Prostituierte, Geld und Gratis-Jagdausflüge seien bei einer WM-Vergabe im Spiel gewesen. Zudem soll der Präsident höchstselbst Dopingproben vertuscht haben. Auch das hat sich vorher niemand vorstellen können.

Armin.Gibis@ovb.net

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