Kovac setzt auf Trotzreaktion

von Redaktion

Bayern-Trainer glaubt, dass die von Löw Aussortierten sich beweisen wollen

VON CHRISTOPHER MELTZER

München – Im Januar 2009 hat Niko Kovac eine Entscheidung getroffen, die ihm sehr schwer gefallen ist. Er war damals 37 Jahre alt und in Salzburg, wo er seit drei Jahren schon spielte, saß er inzwischen regelmäßig auf der Bank. Also zog er, der stolze kroatische Fußballer, Konsequenzen. „Das Team braucht in der WM-Qualifikation jüngere Spieler, die sich jede Woche im Verein beweisen“, sagte Kovac und trat aus der Nationalmannschaft zurück, für die er 83 Mal auflaufen durfte. Der Entschluss bewegte ihn, das merkte man. Er sagte damals: „Es hat mir sehr viel bedeutet, für mein Land zu spielen.“

Am Donnerstagmittag hat Kovac, heute 47, an diese Episode aus seiner Karriere erinnert. Er hat im Presseraum in der Säbener Straße noch einmal sehr genau betont, dass es für einen Fußballer nichts Besseres, nichts Größeres gibt, als für das eigene Land zu spielen. Es hilft Kovac, dem Cheftrainer des FC Bayern, dass er dieses Gefühl gut nachvollziehen kann. Denn er muss jetzt seine Spieler Jerome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller aufbauen, die anders als ihr Coach unfreiwillig mit ihrer Nationalmannschaft abschließen mussten.

Es ist schon viel gesagt und geschrieben worden, seitdem Joachim Löw, der Bundestrainer, am Dienstag seine drei Weltmeister aus München aus dem Nationalteam geworfen hat. Kovac hat der Geschichte aber ein paar interessante Details hinzugefügt. Am Dienstagmorgen, um 9 Uhr, so Kovac, habe Löw ihn angerufen. Weil er aber in einer Sitzung war, ging Kovac nicht hin. Als er zurückrufen wollte, saß der Bundestrainer schon im Flugzeug. Sie trafen sich dann erst in München, wo Löw ihm erzählte, was er vorhat. „Kommunikation war schon da“, sagte Kovac, „aber nicht über mehrere Tage.“ Darüber hinaus wollte sich der Münchner Trainer nicht in die sportlichen Angelegenheiten Löws einmischen. „Er ist dafür verantwortlich“, sagte Kovac. Einen kleinen Kommentar erlaubte er sich dann aber doch: „Mit 29 und 30 als altes Eisen bezeichnet zu werden, das ist nicht richtig.“

In München, das weiß Niko Kovac, ist er in den kommenden Wochen auf die drei Aussortierten angewiesen. Schon am Samstag (15.30 Uhr) steht in der Bundesliga ein kniffliges Spiel gegen den VfL Wolfsburg, den aufstrebenden Tabellensiebten, an. Und vier Tage später, am Mittwoch, tritt der FC Liverpool in München an. Nach der Enttäuschung, berichtete Kovac, seien Boateng, Hummels und Müller „im Kopf total klar“ gewesen. „Sie wissen, was sie machen müssen“, sagte Kovac. „Ich bin überzeugt, dass sie mit Leistung vorangehen werden.“

Hin und wieder war das bereits in den vergangenen Wochen zu sehen. Hummels verteidigte in Liverpool fantastisch, Müller trieb zuletzt beim 5:1 gegen Mönchengladbach die Offensive an. Manche vermuten jetzt schon, dass Boateng, Hummels und Müller angestachelt von Löws Entscheidung besonders motiviert auftreten werden. Wenn Kovac sich clever anstellt, kann er die auf den ersten Blick niederschmetternde Mitteilung zu seinem Vorteil nutzen. Er deutete gestern schon an, dass das Trio noch zu Höchstleistungen bereit sei. Denn: „Sie wollen beweisen, dass sie weiterhin die Qualität haben, um für ihr Land zu spielen.“

Löw rief Kovac am Dienstag an, doch erreichte ihn nicht

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