München – Jörg Jaksche, 42, zählte einst zu den besten deutschen Radprofis, war bei den Spitzenteams Telekom, Once, CSC und Liberty Seguros unter Vertrag. Seine größten Erfolge feierte er mit den Gesamtsiegen bei Paris-Nizza und Mittelmeer-Rundfahrt. Für enormes Aufsehen sorgte er aber auch 2007, als er im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ als Kronzeuge die Dopingpraktiken im Radsport enthüllte. Er machte dabei auch keinen Hehl aus seinen eigenen Dopingsünden. Unsere Zeitung sprach mit dem inzwischen in München lebenden Jaksche über die aktuellen Dopingfälle der beiden österreichischen Radprofis Stefan Denifl und Georg Preidler, die im Rahmen der Operation Aderlass Geständnisse ablegten.
Herr Jaksche, ein Kronzeuge wie Johannes Dürr, der ein Geständnis ablegt, aber fröhlich weiter dopt, das ist perfide, oder?
Ja und nein. Ich kann seine Situation verstehen, da ist ganz viel persönliche Enttäuschung dabei. Man will sich selbst nicht eingestehen, dass es nach der Sperre kein Comeback gibt, dass alles vorbei ist und man hat Rachegelüste an diesem Hochleistungssportsystem, das einst der Lebensinhalt war und das einen jetzt ausspuckt.
Es regt Sie nicht auf?
Zu realisieren, dass eine Sache, für die man seine Jugend aufgegeben hat, komplett in Scherben liegt, ist eine sehr emotionale Geschichte. Man motiviert sich und merkt dann, dass es vergeudete Jahre waren. Das ist hart. Obendrein ist er in die Fänge der Medien und der Sportanwaltschaft gekommen. Der Journalist will seine mediale Geschichte durchdrücken und erzählt, dass ein Outing das Beste wäre. Sie möchten von der spektakulären Story des gefallenen Sportlers irgendwie auch profitieren. Dann kommen Dinge heraus, die wenig durchdacht sind und heuchlerisch wirken. Im Endeffekt ist diese Person einfach komplett durch.
Ich kann Ihre Argumente nachvollziehen. Aber nochmal: Er betrügt weiter und hintergeht alle, die ihn trotz seiner Vergangenheit, unterstützt haben. Wie verzweifelt muss man sein?
Dass er völlig verzweifelt war, trifft es wohl ganz gut. Es gibt viele Athleten, die beim Beichten gelogen haben. Erinnern Sie sich an Erik Zabel. Er hat es auch nicht hinbekommen, zu seinen Problemen zu stehen und beim ersten Mal nur berechnend das Minimum zugegeben. Ich wusste für mich: Einmal wird einem verziehen, aber die Leute wollen nicht verarscht werden.
Waren Sie nach Ihrem Geständnis jemals in Versuchung erneut zu dopen?
Ich habe darüber nachgedacht, ob ich mit so einer Situation wieder konfrontiert werde. Zu meinem Glück wurde schnell der positive Fall von Patrik Sinkewitz öffentlich. Mir war klar, dass es auch mir wieder passieren könnte. Die Mechanismen sind zu festgefahren. In einem System, das durch und durch dreckig ist, wer hilft dir da, sauberen Sport zu treiben? Nur du selbst. Aber du bist nur Teil ein davon, so lange du Leistung bringst.
Ist ein Doper Opfer oder Täter?
Er ist beides.
Es bedeutet womöglich das Karriereende. Aber die letzte moralische Entscheidung obliegt dem Athleten, richtig?
Das stimmt. Mich hat keiner gezwungen, niemand hat mir den Arm festgehalten und etwas reingespritzt. Aber im Hochleistungsbereich, egal ob im Österreichischen Skiverband oder im Radsport, geht es einzig um Leistung. Eine moralische Richtlinie zu finden, ist sehr schwierig, weil sie doch niemanden interessiert. Jeder erwartet, dass man erfolgreich ist. Die Verbände und das IOC wollen skandalfreie Leistungen und Weltrekorde, um den Sport zu verkaufen. Dopingfrei ist nicht deren Prämisse.
Sie nehmen Peter Schröcksnadel, Präsident des Österreichischen Skiverbands, seine „Enttäuschung“ also nicht ab?
Er hat zugelassen, dass der DDR-Arzt Bernd Pansold, der zu Ostzeiten jungen Schwimmerinnen ohne deren Wissen Anabolika verabreicht hat, viele Jahre das Leistungszentrum in Obertauern geleitet hat. Nach seiner gerichtlichen Verurteilung wurde er entlassen. Aber über seine Vergangenheit wussten alle vorher Bescheid, man hat es nur so lange hinausgezögert, bis man keine andere Wahl mehr hatte.
Wie sieht für Sie die Radsportrealität nach den beiden Dopingfällen aus? Der Vergleich zum Fuentes-System wurde zuletzt oft gezogen.
Es ist besser geworden, aber jenseits von einem fairen, sauberen Sport. Vielleicht haben sich die Medikamente und die Methoden geändert, aber der Bezug läuft weiter. Daran ändert sich auch nichts. Das sieht man auch an Team Sky, hinter dem vermutlich ein organisiertes Dopingsystem steckt. Ein Teamarzt, der Testosteronpflaster und Klinikpackungen an Kortison bestellt, sprechen eine deutliche Sprache.
Marcel Kittel hat in einem Statement die fehlenden Werte im Sport angeprangert. Ist die junge deutsche Generation sauber?
Unabhängig von Marcel Kittel gehe ich davon aus, dass sich das Gedankengut in einem Sport, in dem die Manager und Doktoren gleichbleiben, wenig ändert. Kittel ist vermutlich nicht aus ethischen Gründen zu Katusha gewechselt, sondern aus finanziellen. Das ist auch in Ordnung. Aber: Generalmanager ist dort José Azevedo, der mit mir bei ONCE gefahren ist, auch frühere Mitglieder von Gerolsteiner gehören zum Team. Über Werte zu sprechen und in eine Mannschaft zu wechseln, die schon oft mit Doping in Zusammenhang gebracht wurde, finde ich schwierig. Ich bin glücklich, wenn ihm nie etwas passiert, aber mein Geld darauf verwetten, dass die junge deutsche Generation nicht doch betroffen ist, würde ich nicht.
Stefan Denifl, einer der geständigen Radprofis, ist der Schwager des 2009 überführten Georg Totschnig. Lernen manche nie dazu?
Wenn man das hört, muss man sich an den Kopf fassen. Aber ich kann es ihm nicht übel nehmen, weil ich seine Zwänge kenne. Einem durchschnittlichen Profi bleiben nach der Saison 60 000 bis 80 000 Euro. Das klingt viel, aber er weiß nicht, was nach seiner Karriere passiert und hat keine soziale Absicherung.
Denifl & Co. sind talentiert, haben getrickst, waren aber nur bedingt erfolgreich. Wenn Blutdoping zehn Prozent mehr Leistung bringt, was sagt uns das über die Spitze?
Es gibt und gab besondere Talente, zum Beispiel Jan Ullrich, Lance Armstrong, Marco Pantani und Miguel Indurain. Aber auch sie sind alle über Doping gestolpert. In der Leichtathletik wird Mo Farah beschuldigt, in Kenia gibt es ein riesiges Dopingsystem. Im Langlauf war Therese Johaug positiv. Baldauf und Hauke sind mit Eigenblutdoping auf Rang sechs gelaufen. Was machen die anderen? Trainieren die nur besser? Ich habe keine Illusion, dass nur die Dummen, Untalentierten und Faulen dopen. Das ist in allen Qualitätsklassen ein Thema.
Die Zuschauer könnten den Sport mit Nichtbeachtung abstrafen. Ist das realistisch?
Die finden vielleicht diese Skandale sogar ganz interessant. Wahrscheinlich attestieren wir dem Zuschauer moralische Ansprüche, die er gar nicht hat. Vielleicht sind wir alle ein bisschen Chardonnay-Sozialisten, die für ihr eigenes Gewissen hoffen, dass der Sport sauber ist, weil man selbst so fehlerhaft ist.
Wird der Sport idealisiert?
Ja, das regt mich am meisten auf. Der Athlet muss sich kasteien, aber wir selbst sind dazu nicht bereit, uns ist schon der Verzicht auf Plastiktüten zu anstrengend. Deswegen habe ich mehr Mitleid mit den Athleten als dass ich sie anklage. Der Sport sei das Spiegelbild der Gesellschaft, heißt es immer. Wenn man es vorgehalten bekommt, will man kein Zerrbild sehen.
Interview: Mathias Müller