ZWISCHENTÖNE

Menschliche Abgründe

von Redaktion

Sollte es wirklich so sein, dass der Sport ein Spiegelbild der Gesellschaft ist, ist es wieder mal an der Zeit, sich mächtig zu schämen. Da hilft nun auch nicht, mit dem Finger schadenfroh Richtung Österreich zu deuten, zumindest ermöglicht haben den Sportbetrug schließlich wir, wir Deutschen. Oder besser: ein schon im Radsport auffällig gewordener Scharlatan aus Thüringen, der, eher unterstützt als behelligt, sein Unwesen weiter treiben durfte, trotz gravierender Verdachtsmomente. Und wer weiß denn schon, was noch alles herauskommt im Zuge der laufenden Ermittlungen, etwa wenn die 40 in Erfurt beschlagnahmten Blutbeutel zugeordnet sind?

Menschliche Abgründe tun sich jetzt schon auf. Da wird ein Sportler noch mit Nadel im Arm überrascht, der vor nicht allzu langer Zeit Stein und Bein geschworen hatte, sauber zu sein: Das habe er für sich so entschieden. Und der frühere Kollege, der sich nach seiner Enttarnung als reuiger Sünder gab und eigentlich hatte mithelfen wollen, „dass andere nicht den gleichen Fehler machen wie ich“, wird verdächtigt, diesen anderen den Weg zum Betrug erst geebnet und selbst fleißig weitergedopt zu haben. Wird, um beim Spiegelbild zu bleiben, auch im zivilen Leben derart dreist gelogen und betrogen?

Ist wohl zu befürchten, nur gelangt halt selten an eine breitere Öffentlichkeit, wenn ein Ehemann seine Frau hintergeht (oder umgekehrt), zum eigenen Vorteil die übelsten Lügengeschichten aufgetischt werden, sich Geschäftspartner gegenseitig abzocken, gutgläubige Senioren von hinterlistigen Anrufern über den Tisch gezogen oder Rechnungen partout nicht beglichen werden, was Kleinunternehmer schon mal in den Ruin treiben kann. Ganz zu schweigen davon, was Konzerne und Großbanken tricksen, um ihren Gewinn zu maximieren, oft auf Kosten der Allgemeinheit. Ja, der Sport ist wohl wirklich nicht viel schlechter als die Gesellschaft, nur hat er sich halt Werte wie Fairness, Anstand und Respekt auf die Fahnen geschrieben, was zumindest im Spitzensport längst wie blanker Hohn klingt.

Insofern kann an der „Operation Aderlass“ höchstens noch überraschen, wie ernsthaft wenigstens staatliche Behörden am Austrocknen des Dopingsumpfs interessiert zu sein scheinen. Während man in Sportkreisen, siehe auch die leicht befremdliche Reaktion der österreichischen Funktionärsspitze, offensichtlich weiter an der Strategie des Vertuschens festhält und noch immer die Mär von Einzeltätern, österreichisch: Trottl‘n, auftischt. Alles andere wäre auch grob geschäftsschädigend. Wer sägt schon gerne an dem Ast, auf dem er sich so gemütlich eingerichtet hat? Flächendeckendes Doping, das gibt es doch nur in Russland. Dort sitzt das Böse.

Wie aber kann bei uns ein wegen Dopings verurteilter Trainer später Vizepräsident eines Landessportbundes werden? Und ist es Zufall, dass in seiner Anwaltskanzlei der (ebenfalls involvierte) Vater des jetzt verhafteten Erfurter Sportmediziners arbeitete? Es wirkt alles schon ziemlich verfilzt, auch im deutschen Sportsystem. Das ja selbst schon spektakuläre Dopingfälle hatte und weiter haben wird. Da muss man nicht nach Russland, auch nicht nach Österreich zeigen. Es gibt noch viel vor der eigenen Haustüre zu kehren.

Reichen wird das aber nicht. Auch, weil wir, die Konsumenten, Seefeld und die „Operation Aderlass“ bald vergessen haben werden und in schwarz-rot-gold gehüllt deutsche Medaillen bejubeln, selbst wenn wir inzwischen von überführten Sündern wissen sollten, dass es wohl ohne Doping kaum für ganz oben reicht. Dominik Baldauf, einer der geständigen österreichischen Langläufer, träumt nun davon, Kriminalbeamter zu werden und „große Fälle aufzuklären, Rätsel zu lösen“. Da kann er gleich mal mit der Enttarnung des Doping-Netzwerks beginnen. Insider-Wissen hat er ja.

Von Reinhard Hübner

Es wird im Sport weiter dreist gelogen und betrogen

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