Östersund – Nach unzähligen „Kuschelattacken“ und einem schier endlosen Interview-Marathon hatte Denise Herrmann nur noch eine Sorge. „Jetzt muss ich erstmal die Mutti anrufen“, sagte die neue Biathlon-Königin mit breitem Grinsen, „sonst sind die daheim noch besoffen.“ Grund für eine große Party war ihr Sensations-Gold im Verfolgungsrennen der WM in Östersund allemal.
Denn Herrmann hatte an diesem historischen Tag den bisher größten Erfolg ihrer Karriere gefeiert, dabei keine Geringere als die Überfliegerin der vergangenen Jahre entthront. Dass Laura Dahlmeier mit Bronze ihren WM-Rekord ausbaute, war deshalb nur eine schöne Randnotiz.
„Es ist unglaublich, das ist ein perfekter Tag“, schwärmte Herrmann nach dem souveränen Erfolg über die 10 Kilometer: „Zwei Deutsche auf dem Podium, das ist verrückt und gibt uns Rückenwind für die zweite Woche.“ Vor allem aber ihr selbst.
Knapp drei Jahre nach dem Umstieg vom Langlauf zum Biathlon ist die 30-Jährige angekommen, wo sie seit jeher hinwollte: ganz oben. „Ich bin verdammt stolz auf das, was passiert ist“, sagte Herrmann, die vor zwei Jahren in Östersund ihre ersten beiden von nun vier Weltcup-Erfolgen eingefahren hatte: „Das ist wirklich der Place to be! Ich liebe diesen Ort.“
Bewundernswert war vor allem die Art und Weise, wie Herrmann zur ersten Goldmedaille des Deutschen Skiverbandes in Mittelschweden stürmte. Die mitunter schwächelnde Schützin trotzte am Schießstand böigem Wind, in der Loipe konnte ihr wie so oft in diesem Winter niemand das Wasser reichen.
Die Vorstellung erinnerte an die besten Zeiten der siebenmaligen Weltmeisterin Dahlmeier, die sich erst im Schlussspurt der Norwegerin Ingrid Landmark Tandrevold geschlagen geben musste und mit Bronze im 13. WM-Rennen in Serie Edelmetall abgriff. Das hatte vor der 25 Jahre alten Überfliegerin, die sich mit den Folgen einer Erkältung herumplagt, noch niemand geschafft. „Zwischendrin habe ich nicht geglaubt, dass es für das Podest reicht. Beim Laufen war es schon ziemlich zäh“, sagte die Doppel-Olympiasiegerin, die sich über den Triumph ihrer Kollegin freute: „Das ist extrem stark. Denise hat sich das verdient, sie hat hart dafür gearbeitet.“
Für den Erfolg am Sonntag, der den Silberlauf zum WM-Auftakt mit der Mixed-Staffel noch einmal toppte, war Arbeit allein freilich nicht ausreichend. Konzentration, Patzer der Konkurrentinnen, schnelle Ski und nicht zuletzt etwas Magie verhalfen Herrmann zum Gold-Coup mit 31 Sekunden Vorsprung. „Manchmal ist es ja so, dass man an einem bestimmten Ort spürt, dass einfach alles passt und besondere Kräfte freigesetzt werden“, sagte sie.
Deshalb geht Herrmann voller Zuversicht in die zweite WM-Woche, in der sie vor allem mit der Staffel und im Massenstart weitere Medaillenchancen besitzt. Sollte es erneut klappen, dürfte das Telefon in der Heimat nicht mehr stillstehen – Mutti Jeanette ist seit Sonntag jedenfalls vorgewarnt. sid