Neue alte Machtverhältnisse

von Redaktion

Der FC Bayern erlebt die beste Saisonphase – auch dank der DFB-Rentner

VON ELISABETH SCHLAMMERL

München – Einen Moment lang hatte sich Thiago um seinen kleinen Sohn Sorgen machen müssen. Thomas Müller nahm Anlauf, grätschte vor dem verdutzten Gabriel vorbei und grinste anschließend breit. Die kleine Gaudieinlage nach dem fulminanten 6:0 des FC Bayern gegen den VfL Wolfsburg war nur ein Indiz dafür, dass die Laune kaum besser hätte sein können nach der Rückeroberung der Tabellenspitze. Bei allen Münchner Spielern, aber besonders eben bei Thomas Müller, Jerome Boateng und Mats Hummels, die vier Tage zuvor von Bundestrainer Joachim Löw auf wenig feinfühlige Art und Weise aus der Nationalmannschaft komplimentiert worden waren.

„Ich habe einen schönen Spieltag erlebt“, sagte Müller auf dem Weg aus dem Stadion. Es war der einzige Redebeitrag des Trios. aber der Satz von Müller wirkte wie ein Statement. Die nun Ex-Nationalspieler gaben am Samstag den Kritikern dieser zum jetzigen Zeitpunkt überraschenden Löw-Entscheidung sportlich eine Handvoll Argumente. „Die Jungs“, sagte Sportdirektor Hasan Salihamidzic, „haben eine gute Antwort gegeben.“

Die Innenverteidiger Boateng und Hummels standen in der Rückrunde erst zum zweiten Mal gemeinsam in der Startelf. Das Duo strahlte Souveränität aus und überzeugte mit Präsenz auch im Spiel nach vorne. Müller belebte wieder wie schon zuletzt die Offensive der Münchner, bereitete das erste Tor durch Serge Gnabry vor und traf selbst zum zwischenzeitlichen 4:0.

„Wie sie es umgesetzt haben in positive Energie, das spricht für sie als Spieler, als Menschen und Charaktere“, sagte Trainer Niko Kovac. Dass er gleich alle drei in der Startelf aufbot, hatte sicher auch ein bisschen mit Löws Entscheidung zu tun, aber es passte wohl bestens in seine taktischen Überlegungen im Hinblick auf das Champions-League-Achtelduell mit dem FC Liverpool am Mittwoch (Süle geschont). Während er auf die gesperrten Kimmich und Müller verzichten muss, kann Kovac auf die Rückkehr von Kingsley Coman und David Alaba hoffen.

Die Münchner rücken gerade die Machtverhältnisse im deutschen Fußball zurecht, zum ersten Mal seit dem fünften Spieltag liegt nicht Dortmund an der Spitze, sondern – wie in den vergangenen sechs Jahren fast durchgehend – die Bayern. Und auch in Europa ist die Mannschaft noch anders als in der Vorrund kein Auslaufmodell mehr. Sie begegnet dem letztjährigen Finalisten aus Liverpool im Rückspiel auf Augenhöhe. „Dieser Moment der Saison ist der beste, den wir bisher hatte“, sagte Salihamidzic. Und das vor allem dank der Routiniers, die gezum richtigen Zeitpunkt in Bestform zu kommen scheinen. Aber dennoch drehte sich am Samstag vieles um die Ereignisse vom vergangenen Dienstag, als Löw zum Abschluss der Faschingszeit extra nach München gereist war, um dem Trio den Kehraus mitzuteilen.

Was die drei von ihrer Ausbootung und vor allem vom Stil des Bundestrainers halten, haben sie bereits in den Tagen danach in den Sozialen Medien verkündet, weshalb sie am Samstag dazu lieber andere reden ließen. Manuel Neuer hielt sich wie gewohnt diplomatisch zurück. Er könne die Enttäuschung verstehen, sagte der Torhüter, „aber auf der anderen Seite ist der Trainer dazu da, Entscheidungen zu treffen“. Dass er als Kapitän nicht von Löw vorab informiert worden war, wie er wissen ließ („hinterher haben wir telefoniert“), ist bemerkenswert.

Hinter Müller, Boateng und Hummels stellten sich vor allem jene Kollegen, die vom Umbruch in der Nationalmannschaft eigentlich profitieren. „Die Art und Weise“, sagte Joshua Kimmich, „war nicht okay. Ich verstehe das absolut, dass die Jungs enttäuscht sind. Keiner von ihnen ist zu alt, um in der Nationalmannschaft zu spielen. Sie haben einen anderen Abgang verdient.“

Für Leon Goretzka ist es nicht nur eine Stilfrage. Alle drei seien „große Persönlichkeiten. Es entsteht eine Lücke, die gestopft werden muss“, sagte der Mittelfeldmann der bei den drei betroffenen Spielern vor allem eine Trotzreaktion festgestellt hat: „Mein Eindruck war, dass sie auch viel Motivation daraus gezogen haben“ – für den FC Bayern in der entscheidenden Phase der Saison. So gesehen war der Zeitpunkt der Verabschiedung aus dem Nationalteam für den Tabellenführer perfekt.

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