München – Es dauerte ein paar Sekunden, bis wieder Leben in Niko Kovac kam. Wie angewurzelt war der Trainer des FC Bayern nach dem Schlusspfiff erst einmal in der sogenannten Coaching Zone stehen geblieben und hatte ins Nichts gestarrt, ehe er sich langsam auf den Weg zu seinen Spieler machte. Sein Kollege vom FC Liverpool, Jürgen Klopp, war da längst auf das Spielfeld gelaufen und deshalb Kovac einen Schritt voraus – wie die gesamte Mannschaft von der Insel dem deutschen Rekordmeister an diesem für die Münchner so betrüblichen Champions-League-Abend. „Wir haben unsere Grenzen aufgezeigt bekommen“, gab Kovac nach dem 1:3 gegen den FC Liverpool im Achtelfinal-Rückspiel am Mittwoch zu.
Die erfolgreiche Aufholjagd in der Bundesliga mit überzeugenden Siegen in Mönchengladbach und zuletzt gegen den VfL Wolfsburg hatte den Blick ein wenig getrübt, jenen auf das große Ganze. Die Diskussion um einen dringend notwendigen Umbruch beim FC Bayern waren in den vergangenen Wochen fast verstummt, weil die aktuelle, in die Jahre gekommene Münchner Mannschaft doch noch in der Lage schien, sich zu behaupten, national und vielleicht sogar doch auch noch international.
Beim 0:0 im Hinspiel an der Anfield Road vor drei Wochen hatten die Münchner eine reife defensive Leistung gezeigt. Um Mannschaften vom Kaliber Liverpools am Ende auszuschalten, braucht es eben auch eine reife offensive Leistung. Jürgen Klopp und sein Team haben dem FC Bayern vor Augen geführt, dass nicht nur eine Ära vorbei ist, sondern es wohl auch eine sehr, sehr teure Angelegenheit werden wird, um die Lücke zu Europas Elite zu schließen.
Aber es liegt nicht nur am Kader, sondern es ist auch eine Frage des Münchner Systems, das in den Grundzügen noch immer auf den früheren Trainer Louis van Gaal zurückzuführen ist. Damals, 2009 bis 2011, war die Mannschaft jung und dynamisch, heute ist sie nicht mehr ganz so jung und auch nicht mehr ganz so dynamisch.
Am Mittwoch wussten sich die Bayern kaum zu helfen gegen den konsequent pressenden Gegner aus England. Es mag zum einen an fehlender Entschlossenheit, am ausreichenden Mut zum Risiko gelegen haben, aber eben nicht nur, wie Mats Hummels findet. „Wir haben eine gewisse Spielweise, die gegen pressende Mannschaften nicht immer zum hundertprozentigen Erfolg führt“, sagte der Innenverteidiger. „Da täten uns dann ein paar andere Begebenheiten in unserem Spiel ganz gut.“ Aber damit ja niemand auf die – naheliegende – Idee kommt, es könnte an fehlenden Impulsen von der Bank liegen, nahm er gleich einmal Kovac in Schutz. Der Trainer, sagte Hummels, „fordert das ein, aber es klappt auf dem Platz dann nicht immer“. Gegen Liverpool nur ganz selten. Einmal sprang der Ausgleich heraus, als Serge Gnabry mit seiner Hereingabe das Eigentor von Joel Matip erzwang. Ein anderes Mal vergab Robert Lewandowski.
Man habe es nicht geschafft, druckvoll zu agieren und „das Tempo nach vorne zu bringen“, erkannte Hummels. Liverpool dagegen verstand es, das eigene Spiel in der zweiten Hälfte anzupassen mit etwas mehr Ballbesitz wie üblich.
Klopp hatte einen Plan B, Kovac hatte vielleicht auch einen, aber seine Spieler konnten ihn nicht umsetzen. Und dann, sagte Sportdirektor Hasan Salihamidzic, „werden wir durch ein Standardtor gekillt, was bei der Stärke von Virgil van Dijk passieren kann“.
So kurz nach dem bitteren Aus, dem ersten im Achtelfinale seit 2011, wollte oder konnte sich Salihamidzic nicht zu möglichen Konsequenzen aus den Erkenntnissen des Duells mit letztjährigen Champions League-Finalisten äußern. „Am Ende der Saison werden wir alles bewerten“, sagte er. „Wir haben noch zwei andere Aufgaben zu erledigen“, die Titel in der Bundesliga und im DFB-Pokal zu holen. Wenn das Double gewonnen werde, findet Hummels, könne man noch von einer ordentlichen Saison sprechen. National. International war der FC Bayern nicht gut genug.