Deutsche Bilanz

Ernüchternde Zeiten

von Redaktion

MARC BEYER

Der Brexit. Am großen europäischen Thema der letzten Monate und Jahre führt auch im Fußball kein Weg vorbei. So krass ist der Gegensatz zwischen dem politischen Herumgeeiere auf der Insel und Englands unwiderstehlichen Wucht auf dem Rasen, dass sich die Zeilenschmiede der Londoner Boulevardblätter ebenso herausgefordert fühlen wie Satiriker. Während die „Sun“ gestern vergleichsweise moderat auf den Kontrast zur Politik hinwies („extreme Kompetenz und ein sehr klarer Verbleib in Europa“), witzelte der „Postillon“, Uli Hoeneß fordere die UEFA zum Brexit-bedingten Ausschluss englischer Clubs aus der Champions League auf.

Laien könnten da fast einen realen Hintergrund vermuten. Fakt ist, dass die Bundesliga nicht nur das Achtelfinalduell mit der Premier League krachend verloren hat (0:3), sondern insgesamt das schlechteste Ergebnis seit 2006 verzeichnet. Die einzige Möglichkeit, den Rückstand auf England zügig wettzumachen, wäre der sofortige Rausschmiss der dominanten Konkurrenz.

Es sind ernüchternde Zeiten für den deutschen Fußball, der sich vor nicht langer Zeit selber noch an seiner Herrlichkeit berauscht hat. Davon ist wenig geblieben. Während im Königreich zum vielen TV-Geld Kompetenz auf der Führungsebene der Clubs, eine erstklassige Infrastruktur in den Leistungszentren und ein Boom im Nachwuchsbereich gekommen sind, ist der Trend hierzulande eher gegenläufig. Die Fernseheinnahmen sind zwar auch gestiegen. Aber längst nicht so kräftig wie jenseits des Ärmelkanals.

Das einzige Team, dem man auf Club-Ebene das Mithalten zutrauen kann, ist der FC Bayern. Doch auch der steht vor einer Herausforderung, wie er sie lange nicht erlebt hat. Das Aus gegen Liverpool hat ihm gezeigt, dass es beim Umbruch nicht mit den üblichen Verdächtigen Robben, Ribery und Rafinha getan sein wird. In den Fokus könnten noch ganz andere geraten. Und die Suche nach Ersatz dürfte weit über die ständig zitierten Werner, Pavard, Hernandez oder Hudson-Odoi hinausgehen.

Auch mit einem Pavard hinten oder einem Werner vorne hätte man Liverpool kaum Paroli bieten können. Die Bayern wussten, dass diese Saison eine des Übergangs sein würde. Dass der Rückstand auf Europas Elite, ihren einzigen Gradmesser, aber derart angewachsen ist, muss verstörend für sie sein. Ihn aufzuholen, könnte zeitaufwändig werden. Und noch teurer als ohnehin gedacht.

marc.beyer@ovb.net

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