von Redaktion

VON WOLFGANG SPORER

Gut, sie haben der Formel 1 ein neues, flottes Logo verpasst. Sie haben außerdem die Grid Girls abgeschafft, die schönen Damen, die in der Vergangenheit die Königsklasse des Motor(Männer)sports dekorierten. Und, ach ja, die Startzeiten für die Rennen wurden geändert (aus werbetechnischen Gründen). Aber sonst?

Von der großen Modernisierung, die das US-Unternehmen Liberty Media bei der Übernahme der Formel 1 vor zweieinhalb Jahren vollmundig versprach, spüren die Fans bislang wenig. Die Wir-können-alles-besser-Amerikaner kommen mit ihrem Vorhaben, die Königsklasse spannender, attraktiver, globaler, gerechter und dabei auch noch billiger zu machen, bislang nur im Kriechgang voran. Es gibt jede Menge Bremsfaktoren für die neuen F1-Besitzer, denen Red-Bull-Teamchef Christian Horner eine gewisse Blauäugigkeit attestierte: „Ich glaube, sie haben vielleicht gedacht, da hängen die Früchte niedrig, und nun hat es sich als viel schwieriger erwiesen, als sie vielleicht geglaubt haben.“

Die Absichten von Liberty, das für die F1-Rechte 4,4 Milliarden Dollar hingelegt hat (plus angeblich eine Schulden-Übernahme in ähnlicher Höhe), sind ja durchaus gut und schön: Budget-Obergrenze, gerechtere Geldverteilung, dadurch mehr siegfähige Teams, einfacheres technisches Reglement, zudem neue, spektakuläre GP-Austragungsorte (wie etwa Miami) – alles nette Pläne. Doch bei der Erschaffung einer schöneren neuen Formel-1-Welt müssten alle Protagonisten konstruktiv mitspielen, und das tun sie (noch) nicht, zumindest nicht umfänglich genug. Die großen Teams wollen ihre Privilegien nicht opfern. Ferrari etwa kassiert bisher pro Jahr satte 93 Millionen Euro Bonus und hat wenig Lust, auf die Sonderzuweisungen, die sich die Roten in der Ära von Ex-F1-Boss Bernie Ecclestone zusichern ließen, künftig zu verzichten. Weiterer Streitpunkt zwischen Topteams und Liberty Media ist die Budget-Deckelung. Den Formel-1-Eignern schwebt eine Obergrenze von 150 Millionen Dollar vor, das ist den großen Teams klar zu wenig. Mit den Herstellern wiederum ringen die Amerikaner um ein neues, billigeres Motorenkonzept. Auch da ist der Widerstand groß.

Verfahrene Situation. Doch es ist höchste Eile geboten, um neue Vereinbarungen für die Zeit nach 2020 zu treffen. Ende nächsten Jahres nämlich läuft das aktuelle „Concorde Agreement“ aus, das derzeit für die Teams, den Rechteinhaber und den Motorsport-Weltverband FIA noch gültige Formel-1-Grundgesetz. Der Sporting Code der FIA verlangt, dass bereits bis Juni geregelt sein muss, wie es ab 2021 weitergeht. Chase Carey, der neue Formel-1- Chef, bestätigte den dramatischen Zeitdruck, hofft aber nach wie vor auf den nötigen baldigen Durchbruch beim Festzurren der künftigen Spielregeln für die Königsklasse. „Ich denke, jeder von uns hätte gerne Klarheit über die Zukunft. Von daher wollen wir das so schnell wie möglich abschließen“, sagte der Mann mit dem mächtigen weißen Schnauzbart.

Eine Kapitulation von Liberty Media, ein schneller Rückzug aus der Formel 1 aus lauter Frust über das zähe Vorwärtskommen bei der Erneuerungs-Mission, ist offenkundig kein Thema mehr. Das Insider-Portal „johnwallstreet.com“ hatte im Winter vermeldet, Liberty habe bereits die Nase voll von der störrischen Königsklasse und erwäge sogar, die Formel-1- Rechte wieder abzustoßen, zumindest aber, Anteile zu verkaufen. Carey trat den Spekulationen jedoch entgegen mit dem Satz: „2019 ist auch nur ein Schritt auf dem Weg zu unseren langfristigen Plänen.“

Die Amerikaner bleiben also im Rennen, trotz aller zermürbenden Probleme. Sie wollen die Dinge möglichst flott in den Griff kriegen, ihr Produkt Königsklasse künftig auch überzeugender präsentieren, „verstärkt die technologische Führerschaft und die unfassbaren Leistungen und die Effizienz unserer Hybrid-Motoren herausstellen. Und wir müssen weiter darauf achten, dass die Formel 1 ein Sport für jedermann ist“, sagte Carey kurz vor dem Start der neuen Saison.

Mit entscheidend dafür, ob die Königsklasse der Zukunft bei den Fans tatsächlich Begeisterung entfachen kann, wird auch sein, auf welchen Bühnen der globale Grand-Prix-Wanderzirkus künftig auftritt. Angesichts der „Auf-zu-neuen-Märkten-und-Kursen!“-Strategie von Liberty Media, das verstärkt Rennen in Metropolen anstrebt, sehen etliche traditionelle Austragungsorte die Gefahr, ausgebremst zu werden. Stuart Pringle, Chef der Rennpromoter-Vereinigung FOPA, befürchtet: „Wenn das so weitergeht, wird die Formel 1 nur noch auf Rennstrecken zweiter Wahl fahren, wenn überhaupt.“ Als Ende Januar über ein Dutzend Rennveranstalter öffentlich protestierten und Liberty vorwarfen, die etablierten Strecken zu benachteiligen, konterte Carey harsch. Die Jammerei habe keinerlei Berechtigung. „Es ist Teil des Lebens, dass du einen Haufen Leute findest, die etwas zu meckern haben und dann Lärm machen“, blaffte der 65-Jährige – und stellte klar, dass die amerikanischen F1-Renovierer nicht von ihrem eingeschlagenen Kurs abzuweichen gedenken: „Wir machen weiter mit dem, was wir machen, und fühlen uns gut damit.“ Die Königsklasse brauche neben ihrer Tradition eben auch zusätzliche belebende Impulse, „neue Energie“ und „frischen Wind“.

Um etwas von jenem alten F1-Mief loszuwerden, der Fan-Begeisterung erstickt, müssten jetzt nur noch alle Beteiligten beim Durchlüften mithelfen. Höchste Zeit, die Fenster zu öffnen. Denn fortgesetztes, chronisches Schneckentempo bei der Zukunftskurs-Findung – damit würde sich die schnellste Sportart der Welt letztlich selbst ihres wesentlichen Kennzeichensberauben: des Faszinosums Geschwindigkeit.

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